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Sport ist Mord: Mesoamerikanisches Ballspiel

Die Frankfurter Eintracht hat vor ein paar Tagen im DFB-Pokalspiel gegen Bayern München gewonnen. Das wurde natürlich groß gefeiert. Könnten Sie sich vorstellen, dass man nach dem Spiel alle Angehörigen der siegreichen Mannschaft vor der Frankfurter Paulskirche rituell durch Enthauptung den Göttern opfert? Irrsinnige Idee, oder? Genau das soll früher aber bei einigen der mesoamerikanischen Ballspiele im heutigen Mittelamerika und Mexiko gang und gäbe gewesen sein.

Als Spiel und Ritual war mesoamerikanisches Ballspiel, das in der präkolumbischen Zeit von z.B. den Azteken, den Maya, den Tolteken und anderen Völkern gespielt wurde, weit verbreitet. Obwohl man sich nicht sicher ist, vermutet man die Olmeken, die zwischen 1500 und 4000 v. Chr. die erste höhere Zivilisation in Mexiko begründeten, als Urheber dieser Sportart. Selbst das heute noch in den Pazifikregionen von Mexiko, Nayarit und Sinaloa gespielte Ulama vermittelt wenig aufschlussreiches über die Regeln, Mannschaftsstärke und Abläufe des ursprünglichen Ballspiels.

Mesoamerikanisches Ballspiel - Torring

Tor in Chichén Itzá (Quelle: Wikimedia Commons)

Vermutet wird, dass dieses Mannschaftsspiel wechselnde gesellschaftliche Bedeutung hatte und dass beispielsweise Kriegsgefangene um ihr Leben spielten, der Ausgang von Kriegen auf dem Spielfeld entschieden wurde oder dass es ganz simpel nur zur Belustigung bei Volksfesten diente.

Was man anhand des Popol Vuh, dem heiligen Buch der Quiché-Maya, und gefundener Statuen und Reliefs sagen kann, ist, dass es ein sehr hartes Spiel gewesen sein muss. Spielszenen zeigen Kämpfer in Hüftpanzern und Knieschützern aus Leder oder Holz, deren Ausrüstung auf harten Körperkontakt hindeutet und die dabei den nicht gerade kleinen, mehrere Kilogramm schweren Kautschukball durch Einsatz ihre Körpers in der Luft halten mussten.

Mesoamerikanisches Ballspiel - Scheibe aus Chinkultic

Antike Scheibe mit Ballspieler aus Chinkultic, Chiapas , Mexiko (Quelle: Wikimedia Commons)

Das Spielfeld bzw. die Spielstraße war ein (ähnlich einem Hohlweg) auf beiden Stirnseiten offener Platz. Seitlich wurde sie durch ein abgeflachtes, ca. 20 bis 30 Meter breites Mauerwerk begrenzt, in das Sitzbänke eingelassen waren. Von den bisher über 1500 entdeckten Ballspielplätzen, auf denen dieser Sport bis zu den Azteken gespielt wurde, ist das in Chichén Itzá gefundene, 166 Meter breite und 68 Meter tiefe, das größte.

Mesoamerikanisches Ballspiel - Chichen Itza

Der Ballspielplatz in Chichén Itzá (Quelle: Wikimedia Commons)

Vermutlich gab es verschiedene Versionen des Spiels, wie es bei uns etwa Fußball, Handball, Volleyball, Basketball, etc. gibt. Und obwohl man bis heute nicht genau weiss wie genau das Spiel ausgetragen wurde, ist es sehr wahrscheinlich dass der Kautschukball bei manchen Versionen durch einen Ring hindurch geschossen/geworfen werden musste, der in einer Höhe von 2,5 bis 3,5 Metern an der Längsseite der Spielstraße angebracht war. Welche Körperteile dazu verwendet wurden, die Hände, der Kopf oder die Hüfte, und wie hoch die Zahl der Spieler und Mannschaften war, ist bis heute unklar.

Mesoamerikanisches Ballspiel - Maya-Ballspieler

Statuette eines Maya-Ballspielers (Quelle: Wikimedia Commons)

Der mythische Ursprung des Ballspiels basiert auf der Legende der Zwillingsbrüder Hunahpú und Ixbalanqué: Vater und Onkel der beiden störten durch ihr lautes Ballspiel die Herren der Unterwelt, die sie durch eine List in eben diese Unterwelt lockten und dem Vater der Zwillinge den Kopf abschlugen. Hunahpú und Ixbalanqué gingen ebenfalls in die Unterwelt und spielten mit den bösen Herrschern Ball, wobei auch Hunahpú der Kopf abgetrennt wurde. Mit dem abgeschlagenen Kopf ging das Spiel weiter, bis ihn Ixbalanqué wieder einfing und seinen Bruder retten konnte. Die Herrscher der Unterwelt wurden dann von den Zwillingen besiegt.

Mesoamerikanisches Ballspiel - Die Zwillinge

Hunahpú und Ixbalanqué auf klassischer Keramik (Quelle: Wikipedia)

Der Glaube an diesen Mythos könnte für die vielen Darstellungen von Totenschädeln und abgeschlagenen Köpfen auf den Reliefs, Stelen und Spielfeldern verantwortlich sein. Sie könnten aber auch tatsächlich die Opferung der Gewinner- oder Verlierermannschaft darstellen. Hier scheiden sich die Geister und die Meinungen der Gelehrten gehen auseinander. Gegen diese Theorie spricht beispielsweise, dass die Opferung speziell trainierter Profis wahrscheinlich auch damals keinen Sinn gemacht hätte. Genau sowenig wie man heute die Spieler des FC Bayern oder der Eintracht Frankfurt opfern würde.

Sicher ist nur dass das Spiel durch die Jahrtausende hindurch einen Stellenwert in der Gesellschaft hatte, den wir heute vom Fußball kennen.

Wenn also Ihre Lieblingsmannschaft das nächste Spiel verliert, dann denken Sie daran dass Sie heutzutage wenigstens die Chance haben eine Revanche zu sehen. Mit Spielern, deren Köpfe fest auf den Schultern sitzen.

Über den Autor

Thilo Heffen

Thilo Heffen

Thilo Heffen wurde 1970 geboren und ist immer noch nicht tot. Sein Berufsleben besteht zum großen Teil aus Titeln mit dem Präfix "Ex-", wie zum Beispiel Ex-Soldat, Ex-Netzwerkingenieur, Ex-Filmemacher, Ex-Operations Manager oder Ex-Niederlassungsleiter. Wird er gerade nicht von Frau, Kindern oder Hund in Beschlag genommen, versucht er auf EXIMUM Beiträge so interessant zu schreiben, dass sie auch von anderen gerne gelesen werden.