Kultur & Medien

Brutale Nachbarn: Calcio Storico

Die gefährlichsten Sportarten - Calcio Storico Titelbild

Wer auf kontaktlosen Sport nach einem festgelegten Regelset steht, für den ist Calcio Storico, die florentinische Version des Fußballspiels, wahrscheinlich nichts! Jedes Jahr am 24. Juni, dem Ende der zweiwöchigen Spielphase, treffen die Spieler von zwei der vier historischen Stadtviertel zum finalen Match aufeinander – und wenn wir sagen “treffen aufeinander”, dann meinen wir das auch genau so!

Die Regeln dieses Spiels, das an eine Mischung aus Fußball, Rugby und Wrestling erinnert, sind denkbar einfach: Verboten sind Tritte gegen den Kopf, Angriffe von hinten und Kämpfe mit mehr als einem Teilnehmer. Das war es schon. Ansonsten ist alles erlaubt. Eine Reihe Schiedsrichter achtet darauf, dass diese Regeln auch eingehalten werden. Schläge mit der blanken Faust, würgen, beißen – Calcio Storico ist nichts für zartbesaitete Seelen!

Aber was ist das Ziel von Calcio Storico?

Die beiden jeweils 27 Mann starken Teams, die sich aus den vier Vierteln (“Quartiere”)

  • Santa Croce – Azzurri (die Blauen)
  • Santa Maria Novella – Rossi (die Roten)
  • Santo Spirito – Bianchi (die Weißen)
  • San Giovanni – Verdi (die Grünen)

rekrutieren, stehen sich auf dem hergerichteten 60 x 30 Metern großen sandigen Spielfeld auf der Piazza Santa Croce gegenüber. Jeweils am Kopfende befinden sich die Tore, in die der Ball befördert werden muss. Egal wie. Er kann getreten, geworfen oder getragen werden. Die von José Bautista 2013 gedrehte und mit Preisen ausgezeichnete Dokumentation gibt einen Eindruck vom Spielverlauf wieder.

Jede Sekunde, die ein Spieler den Ball hält, erhöht die Gefahr dass er von der gegnerischen Mannschaft körperlich attackiert wird. Trifft der Ball in das Netz, erhält das betreffende Team einen Punkt. Fliegt er darüber, erhält die gegnerische Mannschaft einen halben Punkt.

Jedes der drei offiziellen Spiele ist nach 50 Minuten beendet und wird nicht durch Pausen unterbrochen. Am Ende kann nur eines der 4 Quartiere das Schlachtfeld -und den Eindruck eines Schlachtfelds bekommt man recht schnell-  als Gewinner verlassen. Was dann natürlich laut die ganze Nacht in dem entsprechenden Viertel gefeiert wird.

Ach ja, der Preis: Zu gewinnen gibt es ein Kalb der Chianina-Rasse, die als älteste Rinderrasse Italiens gilt.

Hier die offizielle Doku zum Event, die das Spiel und die Einstellung der Spieler dazu beleuchtet:

Wer hat sich Calcio Storico ausgedacht?

Der florentinische Fußball wurde schon im 15. Jahrhundert gespielt. Er diente den jungen Adligen als Ersatz für den Krieg und war die einzige Möglichkeit, als Held gefeiert zu werden. Allerdings war die historische Version bei weitem nicht so brutal wie die heutige.

Die Tradition dieses blutigen Spiels wird auch in Zukunft weitergeführt werden. Für die Einwohner von Florenz -und speziell für die Spieler- geht es um die Ehre und die Gelegenheit, einmal der täglichen Routine zu entfliehen und für kurze Zeit als Held dazustehen. Und obwohl ich froh bin in Deutschland zu leben, würde ein kleiner Teil in mir gerne auch einmal beim Calcio Storico mitmischen.

Wer sich den florentinischen Fußball gerne live anschauen möchte, der kann auf der Seite der Stadt Florenz Tickets und Unterkunft buchen: https://www.visitflorence.com/florence-events/calcio-storico-fiorentino.html

Über den Autor

Thilo Heffen

Thilo Heffen

Thilo Heffen wurde 1970 geboren und ist immer noch nicht tot. Sein Berufsleben besteht zum großen Teil aus Titeln mit dem Präfix "Ex-", wie zum Beispiel Ex-Soldat, Ex-Netzwerkingenieur, Ex-Filmemacher, Ex-Operations Manager oder Ex-Niederlassungsleiter. Wird er gerade nicht von Frau, Kindern oder Hund in Beschlag genommen, versucht er auf EXIMUM Beiträge so interessant zu schreiben, dass sie auch von anderen gerne gelesen werden.