Cold Brew Coffee: Bitte kalt, danke!

Selbst gemachter Cold Brew Coffee mit Eiswürfeln auf dem Gartentisch an einem warmen Sommertag.

Kalter Kaffee hatte bei mir ungefähr denselben Ruf wie alkoholfreies Bier oder Funktionskleidung für den Alltag. Dann habe ich Cold Brew probiert. Seitdem steht jeden Sommer eine Glaskanne im Kühlschrank und meine Bialetti macht Urlaub. Wenn Du jetzt denkst: „Kalter Kaffee? Niemals!“, dann warst Du vermutlich genau die Zielgruppe, zu der ich auch gehört habe.

Eigentlich bin ich ja der Bialetti-Mann. So nenne ich mich manchmal selbst, in meinem Kopf. Kaffee mahlen, ab in die Kanne, auf den Herd, in die Tasse, fertig. Das gehört mittlerweile zu meinem Morgenritual. Und warum sollte ich das ändern? Dachte ich.

Generell lassen mich Trends auf Instagram und so weiter ziemlich kalt. Aber irgendwann, als es wohl gerade in war, drückte mir jemand einen kalten Kaffee in die Hand, und seitdem mache ich im Sommer Cold Brew.

Hier folgt eine Anleitung für Männer, die eigentlich nicht der Typ dafür sind.

Wie das angefangen hat

Mein erster Cold Brew war keine bewusste Entscheidung. Nicht wirklich. Ich saß irgendwo, irgendwann, jemand hatte einen Kaffee, der kalt war.

„Wer trinkt denn sowas?“, war mein erster Gedanke. Kalter Kaffee? Kaffee muss heiß sein, oder? Mein zweiter Gedanke, nach einem skeptischen Schluck, war: „Wer hat sich das ausgedacht?“ Mein dritter Gedanke, eine halbe Stunde später: „Hey, eigentlich ganz gut.“

So wird man Cold-Brew-Trinker. Nicht durch ein YouTube-Tutorial. Sondern dadurch, dass einem jemand was anderes in die Hand drückt als das, was man sonst trinkt. So läuft das richtige Leben eben.

Inzwischen habe ich eine Cold-Brew-Kanne aus Glas, von Vienesso. Die habe ich gekauft, weil wir Deutschen das nun mal so machen: Egal, was wir anfangen, wir brauchen die vorgeschriebene Ausrüstung. Das gilt für die Fünf-mal-im-Jahr-Hobby-Rennradfahrer, die aussehen, als wären sie bei der letzten Tour de France falsch abgebogen.

Das gilt genauso für die Zubereitung von Cold-Brew-Coffee. Meine Frau konnte mich gerade noch davon abhalten, mir eine Lederschürze zu kaufen und mir einen Schnurrbart wachsen zu lassen.

Im Sommer setze ich abends einen Liter an, lasse ihn zwölf Stunden im Kühlschrank ziehen, und morgens habe ich einen Kaffee, der mich auf eine andere Art wach macht als der heiße. Erfrischend, mit Eiswürfeln, fruchtig, fast wie ein Saft mit Koffein.

Und jetzt folgt ein kleiner Exkurs.

Was spricht für Cold Brew?

Cold Brew hat gegenüber heißem Kaffee keine eindeutig belegten Gesundheitsvorteile. Dennoch gibt es einige praktische Eigenschaften, die viele Kaffeetrinker schätzen:

▪ Schmeckt meist milder und weniger bitter.
▪ Wird von manchen Menschen mit empfindlichem Magen besser vertragen.
▪ Eignet sich besonders gut als koffeinhaltiges Sommergetränk.
▪ Funktioniert auch ohne Zucker oder Milch oft angenehm im Geschmack.
▪ Lässt sich problemlos mit Eis, Milch oder pflanzlichen Alternativen kombinieren.

Der wichtigste mögliche Vorteil ist daher nicht ein gesundheitlicher Bonus, sondern die bessere Verträglichkeit für manche Menschen.

Was Cold Brew eigentlich ist

Im Grunde ist Cold Brew faul gewordener Kaffee.

Anstatt heißes Wasser durch das Pulver zu jagen wie sonst, kippst Du kaltes Wasser drauf und lässt zwölf Stunden vergehen, in denen Du halt was anderes trinken musst. Heißen Kaffee vielleicht, oder Tee (den ich übrigens auch kalt ziehen lasse). Deshalb haben wir auch keine Softdrinks oder Säfte mehr im Haus.

Die Zeit übernimmt bei diesem Prozess die Arbeit, die sonst die Hitze macht.

Heraus kommt ein Kaffee, der ganz anders schmeckt als der gewohnte. Weniger bitter. Weniger sauer. Fruchtiger. Und erstaunlich mild für die Menge an Koffein, die drinsteckt – und davon steckt einiges drin! Mehr dazu gleich.

Das Konzept ist aber nicht neu. Denn schon niederländische Händler haben das im 17. Jahrhundert auf Schiffen praktiziert. Damals weniger aus Genuss als aus Mangel an Hitzequellen. Bekannt geworden ist Cold Brew dann durch Starbucks, die ihn 2015 ins Sortiment genommen haben. Seitdem trinkt ihn der halbe Westen.

Der Punkt, an dem mich der heiße Kaffee im Sommer endgültig genervt hatte, war ungefähr Juli 2023. Seitdem bin ich an Bord.

Die Schritt-für-Schritt-Anleitung

Du brauchst:

  • 100 g grob gemahlenen Kaffee (am besten frisch gemahlen, das macht einen Unterschied)
  • 1 Liter kaltes Wasser
  • Eine Cold-Brew-Kanne mit Sieb-Einsatz, oder ersatzweise zwei Gefäße plus einen Kaffeefilter
  • 12 Stunden Geduld

Und so geht’s:

  • Den groben Kaffee in die Kanne füllen, mit dem kalten Wasser auffüllen, einmal kräftig umrühren. Alles muss benetzt sein, kein trockenes Pulver oben drauf.
  • Deckel drauf, in den Kühlschrank, vergessen.
  • Am nächsten Morgen das Sieb mit dem Kaffeesatz herausnehmen. Falls Du keine Kanne mit Sieb hast: durch einen Filter in ein zweites Gefäß abgießen.
  • Fertig. Pur trinken, mit Eiswürfeln, oder mit einem Schuss Milch. Wer möchte, kann ihn mit Soda strecken, was im Hochsommer überraschend gut funktioniert, möchte man kaum glauben.

Im verschlossenen Behälter hält sich Cold Brew ungefähr zehn bis vierzehn Tage und verliert dabei kaum Aroma. Du kannst also größere Mengen ansetzen und über mehrere Tage konsumieren.

Cold-Brew-Kanne aus Glas mit Edelstahlsieb zur Zubereitung von kalt extrahiertem Kaffee.

Drei Dinge, die ich beim Trinken gelernt habe

Kann man beim Trinken was lernen? Ja, das geht. Hier das, was ich gelernt habe:

Erstens: Die Brühe hat viel Koffein. Mehr als der normale Filterkaffee. Stiftung Warentest hat das mal nachgemessen und vor sorglosem Konsum gewarnt. Wer zwei Gläser auf nüchternen Magen trinkt, weil er denkt, das sei ja nur kalter Kaffee, hat den Rest des Vormittags Pulsfrequenzen wie nach einer Joggingrunde.

Eine Tasse reicht. Zwei sind die Obergrenze. Drei sind eine schlechte Idee.

Zweitens: Der Mahlgrad ist wichtig. Zu fein gemahlen, und der Kaffee wird trüb und enthält Schwebstoffe. Zu grob, und er schmeckt wässrig. Als Faustregel gilt: ungefähr so grob wie Meersalz, nicht wie Sand. Wer einen Mahlgrad-Regler an seiner Mühle hat, stellt ihn auf die zweitgrößte Stufe.

Drittens: Es lohnt sich, guten Kaffee zu nehmen. Cold Brew verzeiht keinen schlechten Kaffee. Bei der heißen Methode überdecken Säure und Bitterstoffe vieles, aber beim Cold Brew schmeckst Du die Bohne so, wie sie wirklich ist.

Wenn die Bohne nichts taugt, schmeckt der Kaffee nach nichts. Wenn sie gut ist, schmeckt er nach mehr, als der heiße Kaffee jemals herausgeben würde.

Warum ich es im Sommer mache und sonst nicht

Im Frühling, Herbst und Winter kommt die Bialetti zurück auf den Herd. Im Sommer hat sie Pause.

Das hat nichts mit dem Cold Brew zu tun, sondern mit mir. Ich brauche im Winter den heißen Becher in der Hand, das ist ein Wärme-Ding, ein Stimmungs-Ding, ein Ich-stehe-fünf-Minuten-am-Herd-Ding.

Im Sommer fehlt mir das nicht. Da reicht ein Glas mit Eiswürfeln und etwas, das ich am Vorabend angesetzt habe.

Vielleicht ist es das, was Cold Brew für Männer mittleren Alters tatsächlich macht. Er gibt einem im Sommer ein ähnliches Ritual wie der heiße Kaffee im Winter, ohne dass man sich dafür entscheiden muss, mit kochendem Wasser zu hantieren, wenn draußen 32 Grad sind.

Es ist ein Saisonwechsel-Werkzeug, kein Trend. Und ganz ehrlich, es schmeckt einfach.

Was Cold Brew nicht besser macht

Rund um Cold Brew kursieren viele Gesundheitsversprechen. Die Forschung liefert dafür bislang jedoch wenig belastbare Belege.

▪ Nicht nachgewiesen ist, dass Cold Brew grundsätzlich gesünder ist als heißer Kaffee.
▪ Ein geringerer Säuregehalt lässt sich nicht für jede Zubereitungsart bestätigen.
▪ Einige Untersuchungen fanden sogar höhere Antioxidantienwerte in heiß gebrühtem Kaffee.
▪ Cold Brew kann je nach Rezeptur ähnlich viel oder sogar mehr Koffein enthalten als normaler Filterkaffee.
▪ Für Menschen mit Bluthochdruck ist vor allem die Koffeinmenge relevant – nicht die Temperatur des Kaffees.

Fazit: Cold Brew ist vor allem eine Geschmacks- und Komfortfrage, keine medizinische.

Zum Schluss

Ich bin nicht der Typ, der seine Trinkgewohnheiten ständig ändert, echt nicht. Ich bin eher der Typ, der seit zwanzig Jahren denselben Espresso aus derselben Bialetti macht (das sieht man der Kanne auf den ersten Blick auch an).

Aber zweimal im Jahr, im Juni und im September, gibt es einen Übergang. Die Bialetti kommt vom Herd, die Cold-Brew-Kanne kommt aus dem Schrank. Oder umgekehrt.

Vielleicht ist das ja auch eine Form, das Jahr zu strukturieren. Und vielleicht gar keine so schlechte.

Wenn Du noch nie Cold Brew gemacht hast und es ausprobieren willst, ist die nächste Hitzewelle ein guter Anlass. Eine Kanne kostet zwischen 20 und 40 Euro, Du brauchst keine Marke, und die Methode ist einfacher, als jedes YouTube-Tutorial es darstellt.

Pulver rein, Wasser drauf, vergessen. Am nächsten Morgen ist Sommer.


Quellen


Bildnachweise

  • Alle Bilder: Thilo Heffen