Wir müssen zugeben: All zuviel weiss der Normalo nicht über Hawaii. Sogar die korrekte Schreibweise (Hawai’i) ist den meisten von uns unbekannt. Der Rest wird dafür aber gerne mit Klischees aufgefüllt: Hula-Tänzerinnen, Paradiesische Landschaften, Verbrechen in Honolulu, dem coole Cops in bunten Shirts hinterherjagen. Aber Hawai’i hat Geschichte, Traditionen und Rituale, die der deutsche Fernreisende -wenn er das überhaupt mitbekommt- mit ungläubigem Staunen quittiert. Oder können Sie sich vorstellen, die Flanke eines Berges mit über 80km/h auf einem schmalen Schlitten hinunterzurutschen? Das ist He’e Holua!

HINWEIS: Dieser Artikel ist Teil unserer neunteiligen Serie Das sind die gefährlichsten Sportarten der Geschichte, in der wir Sportarten für die ganz harten Kerle vorstellen.

He’e holua, im allgemeinen als holua bezeichnet, ist der traditionelle hawaiianische Sport, bei dem der Athlet mit seinem Schlitten auf der Flanke eines Berges hinunterrutscht. Wenn Sie jetzt denken “Easy, Schlitten fahren!”, dann lesen Sie weiter… In der Vergangenheit bedeutete “Berg” nämlich “Vulkan” und die Teilnehmer rutschten entweder kniend, liegend mit dem Kopf voran oder wie Surfer stehend über die erkaltete Lava und scharfkantigen Steine. Damit ehrten Sie Pele, die Göttin der Vulkane. Bei mehr als 80 km/h, die erreicht wurden, kam das beim kleinsten Fehler des Athleten oftmals einem Menschenopfer gleich. Na, immer noch easy? Dachte ich mir…

Geschichte

Dieser Sport – früher nur von Mitgliedern des Adels und der Führungsriege betrieben- geriet durch den wachsenden Einfluss westlicher Missionare, die alles heidnische und unheilige ausmerzen wollten, in Vergessenheit. Dazu kam noch die wachsende Begeisterung der einheimischen Bevölkerung für alles Westliche während des 19. Jahrhunderts. Altbekannte Spiele und Sportarten gerieten in Vergessenheit, neue nahmen ihren Platz ein. Eine der wenigen Ausnahmen ist z.B. das Surfen.

Heute erlebt He’ Holua ein Revival, nicht zuletzt dank der Bemühungen von Thomas “Pohaku” Stone, Professor an der  University of Hawaii, der seinen Teil dazu beigetragen hat dass das Interesse an der eigenen Vergangenheit bei den Hawaiianern wieder zunahm.

Papa Holua
Die gefährlichsten Sportarten - He'e holua: Papa Holua

Ein Papa Holua (Bild von kumukahi.org)

Der papa holua genannte Schlitten ist ca. 3,5 m lang, ca. 10 cm breit und ca. 7, 5 cm hoch. Er besteht traditionell aus den Kufen und den Griffen. Die Kufen sind aus dem harten kauila, uhiuhi oder mamane Holz gefertigt und erinnern in ihrer Form ein bisschen an die Kufen von Schlittschuhen. Zusammengehalten werden sie von hölzernen Verbindungsstücken. Damit der Schlitten im Rennen besser gleitet, werden die Kufen mit dem Öl des Lichtnussbaums eingerieben.

Der obere Teil der Struktur mit seinen beiden Hölzern, die als Griffe dienen, ist etwas kürzer als der Unterteil. Auch hier sichern Abstandshalter die Stabilität. Allerdings ist der Abstand zwischen den beiden Kufen geringer als der Abstand zwischen den Griffen, so dass der Athlet geschickt sein muss um die Balance des papa holua zu halten.

Strecke

Die Sammelbezeichnung der Rennstrecken ist einfach: holua. Nur die längeren Rennbahnen (Normalerweise 2 Meilen oder länger) tragen den Namen holualoa.  Dazu haben die individuellen Bahnen noch ihre Eigennamen, z.B. Keauhou Holua. Es wurden bisher über 40 Rennstrecken auf Hawai’i entdeckt, deren Entstehungsdatum noch vor dem Abklingen des Sports im 19. Jahrhundert liegen. Sie wurden an steilen Vulkan- und Berghängen angelegt und die längste Strecke betrug eine Länge von ca. 4 Meilen.

Löcher in den Bahnen wurden mit Dreck und Steinen aufgefüllt. Manchmal wurde auch Gras über die Rennstrecke wachsen gelassen, damit die Schlitten noch problemloser den Hang hinunter gleiten konnten.

Die gefährlichsten Sportarten - He'e holua: Beispiel einer Rennstrecke

Eine kleine Übungsbahn (Bild von Hawai’i Magazine)

Das Rennen

Das Ziel beim He’e Holua besteht darin, so weit wie möglich mit dem papa holua zu kommen. Wie oben erwähnt können dazu verschiedene Positionen auf dem Schlitten eingenommen werden. Dort wo der Athlet mit dem Gefährt zum Stehen kommt, dort wird eine Markierung gesetzt um den Gewinner zu bestimmen.

Um das Rennen zu starten hielt der Athlet den holua in einer Hand, sprintete ein paar Meter und warf sich -Kopf vor- auf seinen Schlitten. Gesteuert wurde, wenn nötig, mit dem Körpergewicht oder unter Zuhilfenahme der Zehen.

Es ist also nicht alles Blumenkranz und Cocktails im schönen Hawai’i. Wenn Sie also mal in den Genuss eines Urlaubs auf dieser Inselgruppe kommen, schauen Sie bei Professor Stone vorbei und lassen sich zeigen, wie man richtig einen Vulkanhang hinuntergleitet. Damit Ihre Liebsten zuhause große Augen machen…

Bildnachweis: Titelbild www.westjetmagazine.com

Thilo Heffen

Thilo Heffen wurde 1970 geboren und ist immer noch nicht tot. Sein Berufsleben besteht zum großen Teil aus Titeln mit dem Präfix "Ex-", wie zum Beispiel Ex-Soldat, Ex-Netzwerkingenieur, Ex-Filmemacher, Ex-Operations Manager oder Ex-Niederlassungsleiter. Wird er gerade nicht von Frau, Kindern oder Hund in Beschlag genommen, versucht er auf EXIMUM Beiträge so interessant zu schreiben, dass sie auch von anderen gerne gelesen werden.