Wie hieß der noch mal?

Zwei Männer unterhalten sich bei einem gemeinsamen Essen im Garten.

Du kennst das Gesicht, du erinnerst dich ans Gespräch – aber der verdammte Name ist weg. Warum uns ausgerechnet Namen so leicht entfallen und was hilft, damit sie beim nächsten Mal hängen bleiben.

„Hallo, ich bin Martin.“

Ein fester Händedruck, ein freundliches Gesicht, eingerahmt von grauen Schläfen. Der sieht aus wie dieser Schauspieler, wie hieß der noch gleich… Robert irgendwas? Denkst du dir. Ihr steht mit einer Flasche Bier in der Hand am Grill der Nachbarn. Du sagst deinen Namen, er sagt etwas über das Wetter, du sagst auch etwas über das Wetter. Dann erzählt er, dass er vor drei Wochen ins Haus mit der Hecke gezogen ist und sein Wohnmobil seit Ostern mit kaputter Wasserpumpe in der Einfahrt steht, weil der Händler das Ersatzteil nicht bekommt.

Irgendwo zwischen Ostern und Ersatzteil merkst du es.

Scheiße. Wie hieß der nochmal?

Das Gesicht könntest du einem Phantomzeichner beschreiben. Du weißt, wo er wohnt, was er fährt und was daran kaputt ist. Du könntest wahrscheinlich sogar die Geschichte mit dem Händler nacherzählen. Nur diese sechs Buchstaben sind weg. Dabei hat er sie dir vor knapp einer Minute persönlich überreicht.

Vielleicht hattest du ihn nie

Spul’ noch mal zurück zu dem Moment, in dem Martin seinen Namen sagt. Was machst du da gerade?

Du sagst deinen eigenen Namen. Du achtest darauf, dass der Händedruck nicht zu lasch ausfällt, weil echte Kerle eben echte Händedrücke haben. Heißt das Händedrücke oder Händedruck? Gibt es da überhaupt eine Mehrzahl? Fährt es dir durch den Kopf. Du überlegst, ob du den Mann nicht schon mal beim Elternabend gesehen hast. Und im Hinterkopf baust du bereits am nächsten Satz, damit keine peinliche Pause entsteht. Das alles passiert in denselben zwei Sekunden, in denen irgendwo auch noch „Martin“ vorbeifliegt.

Für dein Gedächtnis sind das zwei verschiedene Arbeitsschritte. Zuerst muss eine Information aufgenommen und abgelegt werden. Fachleute nennen das Enkodierung. Später muss sie wieder hervorgeholt werden, das ist der Abruf. Wenn uns ein Name fehlt, geben wir fast immer dem Abruf die Schuld. Aber oft liegt das Problem schon beim ersten Schritt. Geteilte Aufmerksamkeit erschwert nachweislich gerade das, worauf es hier ankommt: verschiedene Informationen miteinander zu verknüpfen. Also den Namen mit dem Gesicht, zu dem er gehört.

Manchmal haben wir einen Namen nicht vergessen. Wir hatten ihn nie richtig im Kopf.

Warum ausgerechnet Namen?

Hätte Martin gesagt, er sei Schreiner, wäre das vermutlich hängengeblieben. Beim Wort „Schreiner“ springt sofort etwas an: eine Werkstatt, Sägespäne, der eigene Esstisch, der seit Jahren wackelt. Die Information findet Anschluss an vieles, was du schon weißt. „Martin“ dagegen verrät nichts über den Mann, gar nichts. Denn Namen bieten häufig schlicht weniger inhaltliche Haken als Beruf, Herkunft oder Hobby.

Und dann ist da noch der Satz, den fast jeder schon gesagt hat: „Gesichter kann ich mir merken, Namen nicht.“ Klingt plausibel, ist aber kein fairer Vergleich. In Experimenten, in denen Menschen unbekannte Gesichter und unbekannte Namen später wiedererkennen sollten, schnitten die Namen sogar besser ab.

Der Unterschied liegt in der Aufgabe. Wenn Martin dir am Montag beim Bäcker gegenübersteht, musst du sein Gesicht nur wiedererkennen. Die Frage lautet: Kenne ich den? Das Gesicht liefert die Antwort gleich mit. Den Namen reicht dir dagegen niemand zur Auswahl. Du musst ihn frei abrufen, aus dem Nichts. Das eine ist ein Multiple-Choice-Test, das andere ein leeres Blatt Papier.

Beim nächsten Händedruck

Was also tun? Aus dem eben Gesagten folgt eine ziemlich unspektakuläre Methode. Sie besteht aus vier Dingen, und keins davon verlangt ein besonderes Talent.

Zuerst hörst du zu. Klar, das klingt banal, ist aber der Punkt, an dem es meistens scheitert. Gib dem Namen zwei Sekunden deiner ungeteilten Aufmerksamkeit, bevor du dich um deinen nächsten Satz kümmerst. Der kann warten.

Dann wiederholst du ihn einmal. „Freut mich, Martin.“ Das reicht. Aber Vorsicht! Wer den Namen in den ersten fünf Minuten sechsmal einbaut, der klingt schnell wie ein Versicherungsvertreter in der Probezeit. Wie viel das sofortige Wiederholen tatsächlich bringt, ist übrigens nicht gut untersucht. Plausibel ist es trotzdem: Du hast den Namen dann wenigstens einmal selbst verarbeitet, statt ihn nur an dir vorbeiziehen zu lassen.

Als Drittes verbindest du ihn. Martin gehört ab jetzt zu diesem Gesicht und zu diesem Wohnmobil mit der kaputten Pumpe. Bei manchen Namen hilft ein Bild. Die Methode, einen Namen über eine bildliche Vorstellung mit einem auffälligen Merkmal des Gesichts zu verknüpfen, ist in der Gedächtnisforschung tatsächlich untersucht worden. Bei Martin bietet sich der Heilige mit dem Mantel an, den du dir einfach vor das Wohnmobil stellst. Was, du findest das albern? Okay. Aber gerade deshalb wirst du das Bild vermutlich nicht so schnell los. Fällt dir zu einem Namen gar nichts ein, genügt die Verbindung zum Gespräch.

Viel Glück allerdings bei Uwe, Jürgen oder Namen, bei denen dir zwar sofort ein Bild einfällt, du aber sehr hoffst, dass niemand deine Gedanken lesen kann.

Und schließlich rufst du ihn ab. Zehn Minuten später, während du dir Kartoffelsalat nimmst, fragst du dich kurz selbst: Wie hieß der mit dem Wohnmobil? Du musst nicht gleich die Gastgeberin fragen, und auch nicht auf die Einladungs-Mail im Handy schielen. Erst selbst suchen. Denn aktives Abrufen festigt Erinnerungen besser, als sich dieselbe Information bloß noch einmal anzusehen. Und wenn dir der Name einfällt, hast du ihn gerade ein zweites Mal gelernt.

Mehr ist das nicht. Du musst beim nächsten Firmenjubiläum nicht vierzig Gäste mit Namen begrüßen. Es geht nur um Martin.

Und wenn er trotzdem weg ist?

Trotz allem kann das passieren. Auch mit Methode.

Ist der Name nach zwei Minuten verschwunden, fragst du. Jetzt ist es noch am wenigsten peinlich, denn jeder weiß, wie diese ersten Sätze beim Kennenlernen ablaufen. Hast du ihn schon beim Händedruck nicht richtig verstanden, weil die Musik zu laut war oder der Name ungewohnt klang, fragst du sofort nach.

Das ist nicht unhöflich, sondern genau das Gegenteil davon. Und triffst du Martin nach drei Wochen beim Bäcker wieder und der Name ist weg: Auch dann fragst du. Nach drei Wochen muss sich dafür wirklich niemand schämen.

Die Alternative kennst du. Du fängst an, um den Namen herumzureden. Jeder Satz wird zu „Du“ oder „Na?“ oder einem jovialen Schulterklopfen. Du hoffst, dass irgendwer anders ihn zufällig ausspricht. Das kann funktionieren. Meistens wird es mit jeder Minute nur schwieriger, noch zu fragen.

Richtig unangenehm wird es erst, wenn du Martin jemand anderem vorstellen sollst. Und genau das passiert jetzt.

Die Gastgeberin kommt mit einem Teller Würstchen vorbei und fragt: „Ihr kennt euch schon?“

Du hättest jetzt zwei Möglichkeiten. Du könntest bluffen, einen schnellen Themenwechsel versuchen, irgendetwas über Würstchen sagen. Sag ihr, dass der Grill brennt. Oder du holst Luft.

„Entschuldige“, sagst du zu Martin, „jetzt ist mir dein Name tatsächlich schon wieder abgehauen.“

Martin lacht. Es ist ein auffallend erleichtertes Lachen.

„Martin“, sagt er. „Und ganz ehrlich – deiner mir auch.“

Zwanzig Minuten habt ihr euch gegenseitig ohne Namen durch ein Gespräch manövriert. Über eine Wasserpumpe.


Quellen

  • Burton, A. M., Jenkins, R., & Robertson, D. (2019). I recognise your name but I can’t remember your face: An advantage for names in recognition memory. Quarterly Journal of Experimental Psychology, 72(8), 1847–1854. https://doi.org/10.1177/1747021818813081
  • Morris, P. E., Fritz, C. O., Jackson, L., & Nichol, E. (2005). Strategies for learning proper names: Expanding retrieval practice, meaning and imagery. Applied Cognitive Psychology, 19, 779–798. https://doi.org/10.1002/acp.1115
  • Semenza, C. (2017). The cognitive psychology and neuroscience of naming people. Neuroscience & Biobehavioral Reviews, 83, 145–154. https://doi.org/10.1016/j.neubiorev.2017.10.008

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