Das tun Paare, die großartigen Sex haben – und ihr?

Paar mittleren Alters lacht sich beim gemeinsamen Essen in der Küche an.

Nach ein paar Jahren kennst du deinen Partner in- und auswendig. Du weißt, was ihn antörnt, was ihn abtörnt und in welcher Reihenfolge. Theoretisch müsste Sex also immer leichter werden. Praktisch liegt ihr abends nebeneinander und fragt euch, wo die Lust eigentlich hin ist. Was passiert da zwischen Nähe, Alltag und Bett?

Früher war ein kurzer Blick genug. Eine flüchtige Berührung reichte schon und BAAAM! Die Leidenschaft war da! Und heute? Heute reicht manchmal nicht einmal ein komplett kinderfreier Samstagabend.

Dabei läuft doch eigentlich alles zwischen Euch. Ihr habt heute dreimal telefoniert, zweimal wegen des Einkaufs, einmal wegen des Handwerkers. Du weißt, wie viel Milch in ihren Kaffee gehört, welche Rückenschmerzen gerade dran sind und welcher Gesichtsausdruck bedeutet: Frag jetzt besser nicht. Wie viele Typen wissen sowas? Ihr seid ein eingespieltes Team. Ihr mögt euch. Wahrscheinlich liebt ihr euch sogar.

Nur beim Sex… da wisst ihr irgendwie nicht mehr so genau, was eigentlich los ist.

Das ist das Seltsame an langen Beziehungen, oder? Man lebt sich noch nicht einmal auseinander. Man kennt sich besser als je zuvor. Und ausgerechnet das Ziehen zum anderen, das früher ohne jedes Zutun da war – das taucht immer seltener auf. Kann das einfach der Preis für viele gemeinsame Jahre sein?

Die kurze Antwort: nein. Die längere ist aber viel interessanter.

Hat eure Leidenschaft ein MHD?

Irgendwer hat mal das verflixte siebte Jahr erfunden, und seitdem hält sich die Vorstellung, Leidenschaft habe ein Verfallsdatum, so wie Joghurt. Die Forschung sieht das aber deutlich unaufgeregter.

Ja, okay, es stimmt, dass im Durchschnitt Paare mit den Jahren seltener Sex haben, und ein Teil der Menschen berichtet auch von weniger Lust auf den Partner. Aber ein Durchschnitt ist eben ein Durchschnitt. Manche begehren ihren Partner nach zwanzig Jahren kaum weniger als am ersten Abend, andere schon nach zwei Jahren deutlich weniger, wieder andere erleben ein ständiges Auf und Ab. Eine Studie zu sexueller Langeweile fand verschiedene Muster, die sich nicht einmal zuverlässig nach der Dauer der Beziehung sortieren ließen.

Außerdem ist „Beziehungsdauer“ ein ziemlich unfairer Sündenbock.

Nach fünfzehn Jahren Beziehung ist man auch fünfzehn Jahre älter. Dazu kommen vielleicht zwei Kinder, ein Job, der mehr Energie frisst als früher, ein Knie, das sich bei Wetterwechsel meldet, Medikamente, ein paar ungeklärte Konflikte und sehr viel weniger freie Abende. Was davon die Lust bremst und was die reine Gewöhnung, das kann bislang niemand sauber auseinanderrechnen.

Und dann gibt es auch noch diese kleine Studie, die ich für einen der schönsten Befunde der ganzen Liebesforschung halte. In ihr wurden 17 Menschen untersucht, die im Schnitt seit rund 21 Jahren verheiratet waren und angaben, ihren Partner noch immer intensiv zu lieben. Sie sahen im Hirnscanner ein Foto ihres Partners, und es zeigten sich weiterhin Aktivitätsmuster in Hirnregionen, die mit Belohnung und Bindung in Verbindung gebracht werden. Nach 21 Jahren! Trotz Steuererklärung und Elternabenden!

Siebzehn Leute sind natürlich noch kein Beweis dafür, dass das bei uns allen so läuft. Wie häufig so etwas ist, das sagt auch die Studie nicht, und auch nicht, wie man dahin kommt. Aber es geht.

Keine Lust, keine Zeit oder keinen Nerv?

„Findest du mich eigentlich noch heiß?“
„Was? Natürlich.“
„Warum fühlt es sich dann seit einem halben Jahr nicht mehr so an?“
„Keine Ahnung. Ich bin abends halt einfach fertig.“
„Ich auch.“

Kennst du solche Dialoge? Wer ist in diesem Gespräch schuld? Keiner. Und genau das macht es so unangenehm. Da liegen zwei Menschen, die sich eigentlich noch wollen, und haben sich gemeinsam einen Alltag gebaut, in dem dieses Wollen kaum noch vorkommt.

Bevor du also irgendwas reparierst: Was ist eigentlich kaputt? „Wir haben kaum noch Sex“ kann nämlich sehr Verschiedenes bedeuten.

Fehlt euch wirklich die Lust aufeinander? Oder nur die Gelegenheit? Oder die Energie? Redet ihr aneinander vorbei? Will einer deutlich öfter als der andere? Oder habt ihr wenig Sex und findet das, wenn ihr ehrlich seid, beide völlig in Ordnung?

Letzteres ist kein Witz. Ein Paar kann selten miteinander schlafen und rundum zufrieden sein. Ein anderes vögelt dreimal die Woche und ist dabei unglücklich. Häufigkeit ist kein Gütesiegel. Und wenn einer mehr will als der andere, ist das kein Defekt des Partners mit weniger Lust, sondern einfach ein Unterschied zwischen zwei Menschen.

Ihr solltet erst mal herausfinden, welches Problem ihr eigentlich habt. Dann daran rumschrauben. An dem Problem, meine ich… 

Weniger Sex? Das kann fünf verschiedene Dinge bedeuten

„Bei uns läuft nicht mehr viel“ klingt nach einer Diagnose. Meistens ist es eher eine Sammelmappe. Was drinsteckt, kann ziemlich unterschiedlich sein:

  • Ihr schlaft seltener miteinander. Das ist erst mal nur eine Zahl. Über Lust, Liebe oder Zufriedenheit sagt sie noch gar nichts.
  • Die Lust kommt nicht mehr von allein. Früher war sie einfach da, heute taucht sie seltener unaufgefordert auf. Das heißt nicht, dass sie weg ist. Manchmal kommt sie erst, wenn Nähe oder Erotik schon begonnen haben.
  • Einer will öfter als der andere. Willkommen im Normalfall. Das macht weder den einen zum Lustmolch noch den anderen zum Problemfall. Es ist ein Unterschied, kein Defekt.
  • Einer von euch ist unzufrieden. Hier wird es wirklich relevant. Es gibt keine „normale“ Häufigkeit, die ihr erreichen müsst. Entscheidend ist, ob einer oder beide mit der Situation nicht glücklich sind.
  • Die Lust ist plötzlich weg. Wenn sich das Begehren deutlich und unerwartet verändert, steckt nicht unbedingt die Beziehung dahinter. Auch Stress, Erkrankungen, Schmerzen oder Medikamente können der Grund sein.

„Wir kennen uns einfach zu gut“ – ach ja?

Darf ich vorstellen: die Standarderklärung!

Man hat sich jeden Morgen verschlafen und jeden Abend erschöpft gesehen, bei Magen-Darm und beim Zahnarzt, auf dem Klo, in den unattraktivsten Momenten, da kann doch echt kein Geheimnis mehr übrig sein.

Klingt logisch. Ist aber wahrscheinlich falsch.

Eine niederländische Forschergruppe ließ 134 Menschen eine Woche lang zehnmal täglich notieren, wie nah sie sich ihrem Partner gerade fühlten und wie viel Lust sie hatten. Die Beziehungen bestanden im Schnitt seit fast fünfzehn Jahren.

Das Ergebnis: Wer sich seinem Partner in einem Moment näher fühlte, hatte ein paar Stunden später etwas mehr Lust. Nicht weniger. Der Effekt war klein und verflog schnell, aber er zeigte genau in die falsche Richtung für die Theorie vom Zu-gut-Kennen. Und er war bei Männern genauso da wie bei Frauen.

Noch bemerkenswerter war, dass längere Beziehungen zwar mit weniger Lust einhergingen, aber nicht mit weniger Nähe. Die Vertrautheit war also noch da. Irgendwas anderes war verloren gegangen.

Nach fünfzehn Jahren ist der Partner nicht geheimnislos geworden. Man weiß nur leider sehr genau, wie er die Spülmaschine einräumt.

Ein Teil der Antwort heißt in der Forschung Responsivität, was ungefähr so sexy klingt wie Bausparvertrag, aber etwas sehr Einfaches meint. Nämlich das Gefühl, dass der andere dich wirklich wahrnimmt, versteht und wertschätzt. In mehreren Untersuchungen, auch experimentellen, ging genau dieses Gefühl mit stärkerem sexuellem Interesse am Partner einher.

Im Alltag ist das oft der Unterschied zwischen „Danke fürs Essen.“ und „Du hattest heute eigentlich null Zeit und hast trotzdem gekocht. Danke.“

Oder zwischen „Du siehst gut aus“ und „Das Hemd steht dir verdammt gut“.

Nur bitte nicht als Masche. Wer beim Kompliment innerlich schon auf die Gegenleistung im Schlafzimmer wartet, der macht aus Wertschätzung ein Bonusprogramm. Und das merkt der andere schneller, als du „Payback“ sagen kannst.

Auch die Gegenthese, Begehren brauche Distanz, taugt übrigens nicht als Regel. Zwei Menschen, die eigenständig bleiben und eigene Leidenschaften haben, können füreinander anziehend sein. Ein Partner, der emotional einfach nicht erreichbar ist, ist dagegen keine Lustquelle, sondern ein Problem.

Vertrautheit ist also nicht der Feind. Aber Monotonie vielleicht schon. Und genau da wird es interessant, denn vielleicht musst du deinen Partner gar nicht weniger kennen. Vielleicht musst du ihn nur mal wieder in einer Situation erleben, in der du nicht weißt, was er als Nächstes tut.

Samstag wieder zum Italiener?

„Wir könnten Samstag mal wieder essen gehen.“
„Wo?“
„Beim Italiener.“
„Wie immer?“
„Ja.“

Gegen den Italiener ist natürlich nichts zu sagen, die Pasta ist gut und der Kellner kennt euch. Aber jeden zweiten Samstag denselben Italiener zu besuchen, ist vieles. Aber „aufregend“ gehört eher nicht dazu.

Überleg mal, in welchen Rollen du deinen Partner in einer normalen Woche siehst. Als Mitorganisator. Als Elternteil. Als den, der an die Kfz-Versicherung erinnert. Als den mit dem Laptop auf dem Sofa. Das ist alles wichtig. Es ist nur ein ziemlich kleiner Ausschnitt eines ganzen Menschen.

Und jetzt stell dir vor: Sie kennt ihn seit siebzehn Jahren. Dann stehen beide in einem Tanzkurs. Er zählt mit zusammengekniffenen Augen seine Schritte und stellt sich überraschend geschickt an. Oder katastrophal. Beides ist interessanter als der Mann, den sie sonst jeden Abend neben der Fernbedienung sieht.

Die Psychologen Arthur und Elaine Aron nennen das Self-Expansion. Beziehungen sind unter anderem deshalb reizvoll, weil man durch den anderen Neues erlebt und neue Seiten an sich selbst entdeckt. In Experimenten berichteten Paare nach gemeinsamen neuen und anregenden Aktivitäten von einer besseren Beziehungsqualität als Paare, die etwas Nettes, aber Vertrautes gemacht hatten. Spätere Studien fanden in festen Beziehungen außerdem einen Zusammenhang zwischen solchen Erfahrungen und stärkerem sexuellem Begehren.

Klingt gut?

Aber halt, ein Wundermittel ist das nicht. Wie lange so ein Effekt anhält und was bei welchem Paar funktioniert, ist noch ziemlich offen. Und nicht jede Neuheit zählt. Ein neues Restaurant ist vor allem ein anderes Restaurant.

Gemeint sind eher Situationen, in denen ihr beide etwas lernt, improvisiert oder euch ein bisschen blamiert: ein Kurs, eine Reise ohne festen Plan, ein Boot, ein Stück Holz, das ein Regal werden soll.

Die bessere Frage ist also nicht: „Was könnten wir mal wieder zusammen machen?“ Sondern: Wann hast du deinen Partner zuletzt bei etwas erlebt, das keiner von euch beiden schon konnte?

Und wo wir gerade bei Neuem sind: Wenn ihr beide Lust auf Fesseln, gemeinsame Pornos oder den Küchentisch habt, hervorragend. Nur gibt es keine belastbare Forschung, nach der der Küchentisch eine eingeschlafene Beziehung repariert.

Neue Stellungen sind als Einzelmaßnahme schlicht nicht untersucht, bei gemeinsamem Pornokonsum sind die Befunde widersprüchlich, und BDSM ist etwas für Menschen, die das wollen, keine Paartherapie. Wenn das eigentliche Problem zwei überarbeitete Menschen, drei offene Rechnungen und ein Kind vor der Schlafzimmertür sind, hilft auch die ausgefallenste Stellung nicht.

Paar mittleren Alters arbeitet gemeinsam an einem Holzprojekt in einer Werkstatt.

Warum wartest du eigentlich auf die Lust?

„Hast du Lust?“
„Jetzt?“
„Ja.“
„Eigentlich nicht.“
„Okay.“
„Okay.“

Tja, und damit ist der Abend gelaufen.

Dieses Gespräch behandelt die Lust wie einen Lichtschalter: an oder aus. Entweder sie ist da, bevor irgendetwas passiert, oder es passiert eben nichts. So stellen sich die meisten Menschen Begehren vor. Die Sexualforschung kennt aber noch einen zweiten Weg.

Spontanes Begehren ist das, was man aus Filmen kennt. Man hat Lust, also sucht man den anderen. Responsives Begehren läuft andersherum. Es entsteht oder wird überhaupt erst spürbar, wenn schon etwas passiert, durch Nähe, Berührung, Küsse, den Blick des anderen.

Die kanadische Sexualmedizinerin Rosemary Basson hat im Jahr 2000 ein Modell beschrieben, das genau das ernst nimmt. Gerade in langen Beziehungen beginnt Sex demnach nicht immer mit Verlangen, sondern manchmal mit einer ziemlich neutralen, aber freiwilligen Offenheit.

Die Lust kommt dann unterwegs.

Natürlich ist das kein Naturgesetz, und es beschreibt nicht jeden. Aber es hat einen hartnäckigen Mythos erledigt. Den, dass jeder „richtige“ Sex mit brennendem Verlangen beginnen muss.

Basson hat ihr Modell ursprünglich über Frauen geschrieben. Und jetzt kommt der Teil, der vielen Männern nicht schmecken wird: Responsive Lust ist keine Frauensache. Männer berichten im Schnitt zwar von mehr spontaner Lust. Aber auch männliches Begehren reagiert auf Kontext, Nähe, Stress und körperlichen Zustand. In der niederländischen Studie hing Nähe bei Männern genauso mit späterer Lust zusammen wie bei Frauen. Der Mann, der immer kann und immer will, egal was los ist, ist eine Werbefigur, kein wissenschaftlicher Befund.

Zwischen „Ich habe Lust auf Sex“ und „Ich habe keine Lust“ liegt also eine dritte Möglichkeit: Man kann gerade keine sexuelle Lust haben und trotzdem Lust auf Nähe. Die Frage im Bett könnte deshalb auch so klingen: „Kommst du noch ein bisschen rüber? Ohne Hintergedanken. Na ja, fast ohne.“

Das ist kein getesteter Zaubersatz. Aber er lässt mehr Antworten zu als Ja oder Nein.

Aber es gibt dabei eine nicht verhandelbare Grenze: Freiwilligkeit. Responsives Begehren heißt nie: „Fang einfach an, die Lust kommt schon.“ Es funktioniert nur, wenn beide freiwillig Lust auf Nähe haben und jeder jederzeit sagen kann: „Bis hierhin und nicht weiter.“

Und damit bleibt eine etwas unbequeme Frage: Wie oft warten Paare eigentlich auf Lust, die erst entstehen würde, wenn sie nicht auf sie warten würden?

Dazu passt eine Dynamik, die viele langjährige Paare kennen. Irgendwann wird jede zärtliche Berührung als Auftakt zu Sex gelesen. Die Hand auf dem Rücken, der Kuss im Flur, alles steht unter Verdacht. Also weicht man aus, weil man gerade keine Lust auf das hat, was angeblich danach kommen soll. Das Ergebnis: weniger Sex und weniger Berührung.

„Wenn ich dich jetzt massiere, heißt das nicht, dass wir danach Sex haben.“
„Versprochen?“
„Versprochen.“
„Dann komm her.“

Nichtsexuelle Berührung hängt in der Forschung mit Nähe und Zufriedenheit zusammen. Ob sie direkt mehr Lust macht, ist dagegen wenig gesichert, zumal oft unklar bleibt, ob Berührung zufrieden macht oder zufriedene Paare sich einfach öfter anfassen.

Die Konsequenz ist also nicht „mehr kuscheln, mehr Sex“. Vielleicht wird Berührung gerade dann wieder interessant, wenn sie nirgendwohin führen muss.

Infografik zeigt den Unterschied zwischen spontanem und responsivem sexuellem Begehren.

Warum Gespräche über Sex so oft im Streit enden

„Wir haben kaum noch Sex.“
„Und was soll ich jetzt machen?“
„Du hast einfach nie Lust.“
„Wenn du so anfängst, jetzt erst recht nicht.“

Wahrscheinlich kennst du eine Version dieses Gesprächs. Es ist ein Gespräch über Sex. Und es macht alles schlimmer. „Wir müssen über unser Sexleben reden“ gehört vermutlich nicht zu den Sätzen, bei denen spontan die Hose zu Boden fällt, oder?

Trotzdem stimmt der alte Ratgebersatz, dass Reden hilft, irgendwie. Es gibt da eine Meta-Analyse aus 93 Studien mit mehr als 38.000 Teilnehmern, die zeigt: Paare, die gut über Sex kommunizieren, sind im Schnitt sexuell zufriedener. Entscheidend ist dabei aber nicht, wie oft sie darüber reden, sondern wie.

Ob die Kommunikation den Sex besser macht oder guter Sex einfach das Reden erleichtert, lässt sich aus den Daten nicht eindeutig sagen. Klar ist nur, dass mehr Gespräche über Sex nichts bringen, wenn sie aus Vorwürfen, Schuld und Pflichterfüllung bestehen.

Das Problem ist also nicht zu wenig Kommunikation. Sondern einfach schlechte. Wie so oft im Leben.

Wie klingt es anders? Vermutlich nicht wie in der Broschüre einer Paarberatungsstelle. Eher so:

„Ich vermisse dich.“
„Ich bin doch da.“
„Ja. Aber nicht so. Du fehlst mir. Also, so richtig.“
„…Mir fehlst du auch manchmal.“

Das ist holprig. Aber es ist eine Einladung und keine Anklage. Und nur darauf kommt es an: Redet so über Sex, dass eine ehrliche Antwort nicht bestraft wird.

Gute Kommunikation muss außerdem nicht immer ein Gespräch sein. Die Forschung zählt auch Blicke, Berührungen, positive Rückmeldungen und nonverbale Signale dazu. Manche Paare haben ein eigenes Zeichen, eine bestimmte Nachricht, ein Wort, das nur sie verstehen.

„Heute?“
„Vielleicht.“
„Was heißt vielleicht?“
„Dass du die Kinder ins Bett bringst und wir danach sehen.“

Der Charme daran ist, dass man Interesse zeigen kann, ohne gleich eine Grundsatzverhandlung über das gemeinsame Sexleben zu eröffnen. Und der andere kann Nein sagen, ohne dass jemand abgewiesen wurde. Ein Signal ist ein Angebot und kein Vertrag. Wer „vielleicht“ sagt, meint vielleicht.

Paar mittleren Alters liegt im Bett und spricht miteinander.

Sex nach Kalender? Ernsthaft?

„Heute Abend?“
„Gerne.“

20:30 Uhr: Das Kind ist noch wach.
21:15 Uhr: Küche.
21:40 Uhr: WhatsApp.
22:10 Uhr: Netflix, nur eine Folge.
22:47 Uhr: Einer schläft.

An der Lust lag es an diesem Abend irgendwie gar nicht. Es gab halt schlicht keine Gelegenheit.

Die naheliegende Lösung, die hat einen fürchterlichen Ruf. Denn Sex nach Zeitplan klingt vielleicht so geil wie ein Marketingmeeting am Montag um 9 Uhr morgens. Und „Donnerstag, 21 Uhr: Leidenschaft“ sieht im Google-Kalender tatsächlich ein bisschen traurig aus.

Nur: Spontaneität wird überschätzt. In einer Untersuchung hielten viele Menschen spontanen Sex zwar für den besseren, in ihrem tatsächlichen Erleben ließ sich dieser Unterschied aber nicht zuverlässig nachweisen. Geplanter Sex ist also nicht automatisch der schlechtere. Ein Allheilmittel ist er allerdings auch nicht, denn dafür fehlt schlicht die Forschung.

Vielleicht ist also gar nicht die Planung unsexy. Unsexy ist der Alltag, der ohne Planung zuverlässig alles andere wichtiger macht.

Es kommt eben nur darauf an, was man plant. Ein Termin für Sex kann Druck erzeugen. Was, wenn am Donnerstag um 21 Uhr einer keine Lust hat? Dann gibt es Enttäuschung, vielleicht ein schlechtes Gewissen, und beim nächsten Donnerstag liegt die Stimmung schon beim Abendessen auf dem Tisch.

Etwas anderes ist es, sich Zeit zu reservieren: „Donnerstagabend gehört uns. Keine Arbeit, keine Serie, kein Elternbrief. Was daraus wird, sehen wir dann.“

Das schafft Gelegenheit ohne Vollzugspflicht. Und es passt zu einem kleinen Befund der niederländischen Studie: An freien Tagen war die Lust etwas größer, und gegen Abend stiegen Nähe und Begehren tendenziell an. Lust ist offenbar nicht einfach eine feste Eigenschaft, sondern reagiert auch auf deine Müdigkeit, deine Termine und Gelegenheiten.

Vielleicht verschwindet die Spontaneität durch so einen Abend gar nicht. Sie fängt nur früher an. Wer morgens weiß, dass der Abend euch gehört, hat den ganzen Tag Zeit, daran zu denken. Das steht so in keiner Studie. Aber ausprobieren kostet nichts außer einer Folge Netflix.

Wann du lieber zum Arzt gehst als zum Tanzkurs

Nicht jeder Lustverlust hat mit der Beziehung zu tun. Stress, Schlafmangel, Depressionen oder Ängste, Schmerzen, Erektions- oder Orgasmusprobleme, hormonelle Veränderungen, Erkrankungen und Medikamente können das Begehren ebenfalls bremsen. Ein Tanzkurs behandelt keine Medikamentennebenwirkung.

Wenn die Lust plötzlich deutlich nachlässt, wenn Schmerzen oder neue Erektions- oder Orgasmusprobleme auftauchen, wenn das Ganze mit einem neuen Medikament zusammenfällt oder wenn einer von euch richtig darunter leidet, gehört das zum Arzt oder in eine sexualmedizinische Sprechstunde.

Und wenn gar nichts kaputt ist?

Die Geschichte vom erloschenen Feuer ist bequem. Sie hat eine klare Ursache, die Zeit, und eine klare Lösung, die richtigen Tricks. Dessous, Wochenendtrip, neue Stellung, fertig.

So funktioniert Begehren aber nicht. Es hängt davon ab, wie ihr miteinander redet, ob ihr euch gesehen fühlt, welche Seiten ihr noch aneinander entdeckt, ob ihr überhaupt Gelegenheit füreinander habt und ob Nähe ohne Erwartung möglich ist.

Das ist komplizierter als jeder Ratgeber. Aber auch deutlich interessanter.

Und manchmal gibt es überhaupt nichts zu reparieren. Wie oft ihr miteinander schlaft, sagt erstaunlich wenig darüber, wie gut ihr zusammenpasst.

Vielleicht besteht die Aufgabe nach vielen Jahren gar nicht darin, wieder so zu werden wie am Anfang. Sondern darin, ab und zu nicht mehr so sicher zu sein, dass du den anderen schon komplett kennst.


Quellen

  • Aron, A., Norman, C. C., Aron, E. N., McKenna, C., & Heyman, R. E. (2000). Couples’ shared participation in novel and arousing activities and experienced relationship quality. Journal of Personality and Social Psychology, 78(2), 273–284. https://doi.org/10.1037/0022-3514.78.2.273
  • Acevedo, B. P., Aron, A., Fisher, H. E., & Brown, L. L. (2012). Neural correlates of long-term intense romantic love. Social Cognitive and Affective Neuroscience, 7(2), 145–159. https://doi.org/10.1093/scan/nsq092
  • Basson, R. (2000). The female sexual response: A different model. Journal of Sex & Marital Therapy, 26(1), 51–65. https://doi.org/10.1080/009262300278641
  • Birnbaum, G. E., Reis, H. T., Mizrahi, M., Kanat-Maymon, Y., Sass, O., & Granovski-Milner, C. (2016). Intimately connected: The importance of partner responsiveness for experiencing sexual desire. Journal of Personality and Social Psychology, 111(4), 530–546. https://doi.org/10.1037/pspi0000065
  • Kovacevic, K., Tu, E., Rosen, N. O., Raposo, S., & Muise, A. (2024). Is spontaneous sex ideal? Beliefs and perceptions of spontaneous and planned sex and sexual satisfaction in romantic relationships. The Journal of Sex Research, 61(2), 246–260. https://doi.org/10.1080/00224499.2022.2163611 Taylor & Francis Online
  • Mallory, A. B., Stanton, A. M., & Handy, A. B. (2019). Couples’ sexual communication and dimensions of sexual function: A meta-analysis. The Journal of Sex Research, 56(7), 882–898. https://doi.org/10.1080/00224499.2019.1568375 PubMed
  • Muise, A., Harasymchuk, C., Day, L. C., Bacev-Giles, C., Gere, J., & Impett, E. A. (2019). Broadening your horizons: Self-expanding activities promote desire and satisfaction in established romantic relationships. Journal of Personality and Social Psychology, 116(2), 237–258. https://doi.org/10.1037/pspi0000148
  • van Lankveld, J., Jacobs, N., Thewissen, V., Dewitte, M., & Verboon, P. (2018). The associations of intimacy and sexuality in daily life: Temporal dynamics and gender effects within romantic relationships. Journal of Social and Personal Relationships, 35(4), 557–576. https://doi.org/10.1177/0265407517743076

Bildnachweise

  • Titelbild: Getty Images / Unsplash+
  • Bild 1: A. C. / Unsplash+
  • Infografik: KI generiert
  • Bild 2: KI generiert
Beschlagwortet mit: