Die Firma fürs Leben – gab es die überhaupt?

Älterer Mann mit silberner Armbanduhr am Handgelenk.

Jedes Jahr fragt das Statistische Bundesamt Millionen Arbeitnehmer dasselbe: Seit wann arbeiten Sie bei Ihrem jetzigen Arbeitgeber? Aus den Antworten entsteht eine einzige Zahl. Und die überrascht, egal auf welcher Seite der Debatte man steht.

„Diese Uhr hier.“

Stolz hielt mir mein Vater die vergoldete Armbanduhr hin. An den Kanten war das Gold – trotz wenigen Tragens – schon leicht abgeplatzt. Ich nahm sie in die Hand.

„Und einen Korb mit Obst und Delikatessen?“, tippte ich spontan. Ich wusste es nicht genau, aber ich ahnte, dass ich da einem Klischee auf der Spur war.

„Italienische Delikatessen.“

Mit zufriedenem Gesicht schnalzte er mit der Zunge. Natürlich. Italienisch.

Mein Vater war jahrzehntelang, von seiner Ausbildung bis zum Renteneintritt, bei einer der größten Krankenkassen Deutschlands angestellt. Am Ende hatte er es zum Leiter seiner Abteilung gebracht. Ihm ging berufliche Beständigkeit immer über eine steile Karriere.

„Naja, heute ist das ja nicht mehr so, dass man sein ganzes Leben in einer Firma bleibt. Alles ist schnell, schnell, nix ist mehr beständig, alles nur noch oberflächlich und dieser ganze Social-Media-Mist … neee.“

Reden wir aber nicht über die Sturheit alter Menschen (obwohl ich mit Mitte 50 wahrscheinlich auch schon stark in die Richtung gehe).

Dieses Bild sitzt tief: eine Firma, ein ganzes Berufsleben, am Ende eine Rente und ein Handschlag vom Chef. Das ist kaum noch eine Behauptung, eher eine Erinnerung an eine Arbeitswelt, die verlässlicher war als unsere.

Nur: War das wirklich die Regel? Oder tragen wir ein Leitbild mit uns herum, das nie annähernd so viele Erwerbsbiografien geprägt hat, wie wir heute glauben?

Arbeiter in einer Werkstatt an einer großen Bohrmaschine.

Die Erinnerung ist nicht ganz falsch

Ganz aus der Luft gegriffen ist das Bild allerdings nicht. Für einen bestimmten Typ Arbeitnehmer – männlicher Hauptverdiener, Großbetrieb – war die Lebensstellung“ in den 1950er- und 1960er-Jahren tatsächlich Realität. Sie wurde bloß zu etwas anderem, zu einem gesellschaftlichen Leitbild, das weit über diesen Kern hinausstrahlte.

Über die gesamte Erwerbsbevölkerung sagt das trotzdem nichts.

Die Behauptung, die Mehrheit habe ihr komplettes Berufsleben bei einem einzigen Arbeitgeber verbracht, lässt sich mit den verfügbaren Zahlen jedenfalls nicht belegen.

Zehn, zwanzig Jahre im selben Betrieb klingen zwar nach einer Lebensstellung, sie sind aber keine. Wer beispielsweise mit 20 anfängt und mit 35 geht, war lange dabei – und hat trotzdem noch zwei, drei weitere Kapitel vor sich. Und genau diese Unterscheidung – Betriebszugehörigkeit versus komplette Erwerbsbiografie – geht in der Erinnerung gern unter.

Und heute? Erstaunlich viel beim Alten!

Die gängige Gegenerzählung, wonach heute jeder alle paar Jahre springt und feste Bindungen ausgestorben sind, hält der Datenlage nur bedingt stand.

41,3 Prozent. So viele Arbeitnehmer ab 25 waren nach Erstergebnissen des Statistischen Bundesamtes 2025 seit mindestens zehn Jahren bei ihrem aktuellen Arbeitgeber. Das ist alles andere als eine Randgröße, denn das sind mehr als vier von zehn.

Noch aufschlussreicher ist der Langzeitvergleich: 1993 lag der Anteil der Beschäftigten mit mindestens zehnjähriger Betriebszugehörigkeit laut EU-Arbeitskräfteerhebung bei 48 Prozent. Fast drei Jahrzehnte später, 2021, wieder bei 48 Prozent. Dazwischen kann der Wert ja geschwankt haben, aber an den beiden Endpunkten: keine Bewegung.

Infografik: 41,3 Prozent der Arbeitnehmer ab 25 Jahren waren 2025 seit mindestens zehn Jahren bei ihrem aktuellen Arbeitgeber beschäftigt.

Die Statistik hat einen Haken

Wie passt das zum Gefühl, heute sei alles schneller und unverbindlicher?

Weil der Gesamtdurchschnitt etwas verdeckt.

Vergleicht man gleiche Altersgruppen, war die durchschnittliche Betriebszugehörigkeit in mehreren Gruppen Anfang der 2020er kürzer als Anfang der 1990er – laut EU-Arbeitskräfteerhebung vor allem bei Männern, bei Frauen blieb der Wert stabil. Gleichzeitig ist die Erwerbsbevölkerung insgesamt älter geworden, und ältere Beschäftigte bleiben länger. Ein Teil der stabilen Gesamtzahl ist also schlicht Demografie, keine Loyalität. Nach Branche variiert das Bild ohnehin stark.

Dazu kommt Ostdeutschland. Die Wiedervereinigung hat dort mit Betriebsschließungen und Neuanfängen einen echten historischen Bruch hinterlassen – einen, der eine ostdeutsche Biografie erklärt, aber keinen bundesdeutschen Trend.

Das alte Leitbild war kein Mythos. Es beschrieb echte Biografien, nur eben in bestimmten Milieus, nicht in der Breite, die wir ihm im Rückblick zuschreiben.

Die Firma fürs Leben war seltener, als wir sie erinnern. Die lange Bindung an eine Firma ist trotzdem nicht verschwunden.

Hinweis: Dieser Text verbindet fiktionales Storytelling mit journalistischer Recherche. Die erzählerischen Szenen und Figuren sind erfunden; die dargestellten Daten und historischen Befunde beruhen auf den angegebenen Quellen.


Quellen

  • Goulart, K., & Oesch, D. (2024). Job tenure in Western Europe, 1993–2021: Decline or stability? European Societies. https://doi.org/10.1177/09596801241268144
  • Hofbauer, H., König, P., & Nagel, E. (1974). Betriebszugehörigkeitsdauer bei männlichen deutschen Arbeitnehmern. Mitteilungen aus der Arbeitsmarkt- und Berufsforschung, 7(3), 288–304. IAB-Publikation
  • Statistisches Bundesamt. (2026). Dauer der Beschäftigung beim aktuellen Arbeitgeber. Destatis

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