Wie ein verschollener Méliès-Film von 1897 nach mehr als einem Jahrhundert wieder auftauchte
Sie ergänzt den rätselhaften Titel um genau die Information, die er braucht.
Die Kiste, die Bill und Mary McFarland im September 2025 in Culpeper, Virginia, an die Library of Congress übergeben, sieht nicht nach einer Sensation aus. Rostige Rollen, deformiertes Nitratmaterial, an manchen Stellen verklebt, an anderen zerfallen. Familienbesitz, wie er öfter vorkommt: irgendwo überlebt, ohne dass jemand mehr genau weiß, was eigentlich drauf ist.
Dass sich unter dem beschädigten Material ein verschollener Film von Georges Méliès befindet, weiß zu diesem Zeitpunkt noch niemand.
Nitratfilm ist kein geduldiges Material. Er zersetzt sich, klebt zusammen, kann sich unter ungünstigen Bedingungen selbst entzünden. Dass Rollen aus dem 19. Jahrhundert überhaupt in einem Zustand ankommen, in dem sich noch etwas erkennen lässt, ist schon für sich kein Selbstläufer.
Die Arbeit beginnt mit vorsichtigem Lösen und Sichten. Dabei stößt Courtney Holschuh auf ein Detail: einen schwarzen Stern, aufgemalt auf einem Sockel, sichtbar auf einem der Frames. Dazu eine merkwürdige kleine Slapstick-Szene, die sich aus dem beschädigten Material herausschält.
George Willeman schickt daraufhin einen Frame an einen Experten in Paris, wie NPR berichtet. Mithilfe von Katalogen steht die Zuordnung nach ungefähr einer Stunde fest: Georges Méliès, Gugusse et l’Automate, 1897, Star Film Nr. 111. Bis dahin war keine vorführbare Kopie des Films bekannt. Der schwarze Stern war der entscheidende Hinweis, der zu dieser Identifikation führte.
Was die Sekunden zeigen
Zu sehen ist: Méliès selbst, in der Rolle des Gugusse, vor einer gemalten Werkstattkulisse. Ein kleiner Pierrot-Automat, der per Kurbel in Gang gesetzt wird, marschiert, wächst, entwickelt ein Eigenleben und schlägt seinen Betreiber. Der wiederum geht mit einem Hammer auf ihn los, bis der Automat schrumpft und verschwindet.
Für heutige Augen sieht das aus wie eine frühe Robotergeschichte. Die Library of Congress selbst formuliert vorsichtig, es handle sich möglicherweise um die früheste bekannte filmische Erscheinung dessen, was man heute einen Roboter nennen würde. Ob es tatsächlich die allererste derartige Darstellung überhaupt ist, lässt sich aus den vorliegenden Quellen nicht beweisen.
1897 hätte sowieso niemand von einem Roboter gesprochen, weil es das Wort noch nicht einmal gab. Das kam erst gut zwei Jahrzehnte später durch Karel Čapeks Theaterstück R.U.R. in Umlauf. Historisch korrekt ist also: ein Automat.
Bleibt die Frage, wie ein französischer Film aus dem Jahr 1897 überhaupt in eine amerikanische Familienkiste kommt.

Wie die Kopie nach Virginia kam
Die Spur führt zu William DeLyle Frisbee, Farmer und Lehrer, der nebenbei als reisender Vorführer unterwegs war – mit Laterna-magica-Bildern, einem Phonographen und frühen Filmen, mit denen er durch Schulhäuser, Kirchen und Versammlungsräume zog. Seine Sammlung blieb danach in der Familie und überstand mehrere Generationen wechselnder Lagerbedingungen.
Wann und wo genau Frisbee ausgerechnet diese Méliès-Kopie erwarb, ist nicht überliefert. Genauso wenig, wer der Pariser Experte war. Was bleibt, ist eine Filmrolle, die diese Fragen einfach überlebt hat.
1897 dreht Méliès einen Automaten, der zum Leben erwacht. Dann verschwindet der Film selbst – für mehr als hundert Jahre, bis er in Culpeper, Virginia, wieder auftaucht. 2026 läuft die Kurbel wieder an, der Hammer schlägt erneut zu, und der kleine Pierrot schrumpft ein zweites Mal auf der Leinwand.
Quellen
- Méliès, G. (1897). Gugusse et l’Automate [Film]. Star-Film. Library of Congress. https://www.loc.gov/item/2026125501/
- Mondello, B. (2026, March 5). The first appearance of a robot on film has made its way to the Library of Congress. NPR. https://www.npr.org/2026/03/05/nx-s1-5732320/the-first-appearance-of-a-robot-on-film-has-made-its-way-to-the-library-of-congress
- Tucker, N. (2026, February 26). Lost 19th century film by Méliès discovered at the Library. Library of Congress Blogs. https://blogs.loc.gov/loc/2026/02/lost-19th-century-film-by-melies-discovered-at-the-library/
Bildnachweise
- Titelbild: Georges Méliès, Gugusse et l’Automate (1897), Filmstill. Library of Congress, Motion Picture, Broadcasting, and Recorded Sound Division.
- Bild 1: Georges Méliès, Gugusse et l’Automate (1897), Filmstill. Library of Congress, Motion Picture, Broadcasting, and Recorded Sound Division.
