Kultur

Die Gesichter hinter den Tattoos – Skin Deep

Thilo Heffen
Geschrieben von Thilo Heffen

Von Zeit zu Zeit stößt man auf der Suche nach Themen im Netz auf Inhalte, die einen wirklich bleibenden Eindruck hinterlassen. So ging es mir als ich das erste Mal von Steven Burton’s „Skin Deep“ erfuhr. Die Bilder von Ex-Gangmitgliedern aus Los Angeles, deren mit Tattoos übersäte Körper plötzlich mit der Hilfe von Photoshop komplett inkfrei gemacht wurden, hatten etwas faszinierendes an sich. Also machte ich mich im Netz auf die Suche und kontaktierte Steven Burton, um so mehr über dieses Buch und den Hintergrund seines Projektes zu erfahren.

Der gebürtige Engländer Steven Burton lebt mit Freundin in Brooklyn, NYC. Bevor er sich einen Namen als Fotograf machte, agierte er über 20 Jahre als Model vor der Kamera. Seine Arbeit führte ihn für verschiedene Organisationen wie z.B. die United Nations in alle Ecken der Erde. Sein Buchprojekt „Skin Deep, looking beyond the tattoos“, das bei Powerhouse books Publishing Co. erschienen ist, hat ihm bisher knapp 50 Millionen Besucher in den sozialen Netzwerken gebracht.

Hallo Steven! Vielen Dank für das Interview. Ich bin froh dass es geklappt hat.

Ja, schön mit Dir zu sprechen.

Du hast ja schon einiges von der Welt gesehen und in vielen Ländern gearbeitet.

Ja. Peinlicherweise war ich die meiste Zeit davon auf der anderen Seite des Objektivs.

Du hast als Model gearbeitet?

Viele Jahre lang. Ich verbrachte einige Zeit in Deutschland, Europa, Asien und Australien und bin 20 Jahre durch die Welt gereist. Dann fing ich selbst an als Fotograf zu arbeiten und reiste weiter durch die Welt. Die letzten Jahre zwar nicht mehr so, aber deshalb freue ich mich umso mehr wenn ich wieder auf Achse gehen kann.

Und warum hast Du den Schritt vom Model zum Fotografen gemacht?

Ich wurde alt [lacht]. Nein, wie es im Leben halt so geht. Die Fotografie ist das was ich liebe und wenn ich ein gutes Projekt habe dann erfüllt mich das persönlich viel mehr.

Ah, bevor ich es vergesse: Herzlichen Glückwunsch zur Veröffentlichung von SKIN DEEP.

Vielen Dank.

Ist das Buch schon in Deutschland verfügbar?

Soweit ich weiss ist es mittlerweile überall verfügbar. Was die Buchhandlungen betrifft bin ich mir nicht sicher, aber wenn Du online gehst und bei Amazon, Barnes & Nobles und so schaust, dann kannst Du es bestellen.

Skin Deep - David Williams

David W.

Perfekt. Das steht definitiv auf meiner Weihnachtswunschliste. Meine Frau weiss schon Bescheid.

Tatsächlich?

Ja! Ich finde es großartig. Als ich die Bilder zum ersten Mal sah dachte ich “Was zum Teufel ist das denn?”. Da war dieser eine Typ in seinen Vierzigern, überall tätowiert und dann plötzlich das andere Bild, ohne Tattoos. Ich war überrascht und neugierig. Aber das sind wohl alle die diese Bilder sehen.

Ja, auf diese Weise wollten wir die Leute neugierig machen und in die Geschichte dahinter hineinziehen. Das war ein großer Teil des Konzepts.

Was ist die Geschichte die dahinter steckt? Wie hast Du die Idee zu „Skin Deep“ entwickelt?

Ich lebte zu der Zeit in Kalifornien, war dort gerade hingezogen. Eine Freundin von mir arbeitete an diesem Ort namens Homeboy Industries. Hast Du davon schon gehört?

Ich bin auf den Namen gestossen als ich für dieses Interview recherchiert habe.

Ok. Also, darum geht es bei Homeboy Industries: Dieser Jesuitenpriester namens Pater Greg Boyle -Ich hatte noch nie einen Jesuiten getroffen, aber er ist der lustigste Mensch den ich bisher kennengelernt habe- ist von seiner Art her wie Gandhi oder der Dalai Lama, wie alle Menschen die selbstlos und verständnisvoll sind. In den 80ern leitete er eine Kirche an einem Ort mit dem Namen “Boyle Heights” in Downtown Los Angeles, damals eine Gegend mit der höchsten Dichte an Gangs. Jeden Tag starben Menschen auf den Strassen, es war wie im Krieg. Er beerdigte viele Kinder und Jugendliche aus der Nachbarschaft. Also beschloss er etwas gegen diese Gewalt zu tun und schwang sich jede Nacht auf sein Fahrrad, um in den Barrios zwischen den Gangs zu vermitteln. Er ist ein Weißer und hat einen Bart wie der Weihnachtsmann. Aber trotzdem baute er mit der Zeit Vertrauen auf und kam zu der Einsicht, dass der einzige Weg diesen Menschen Hoffnung zu geben und sie da raus zu holen darin Bestand, ihnen Arbeit zu verschaffen.

Keiner dieser Gangmitglieder hatte einen Job, aber dafür hatte jeder ein Vorstrafenregister. Und gerade in Amerika stehst Du mit einer kriminellen Vergangenheit schnell am Rand der Gesellschaft. Du darfst nicht wählen, Du bekommst keine Arbeit. Du bekommst noch nicht einmal soziale Unterstützung. Diese Leute sind arm und verzweifelt. Ich weiss nicht wie es in Europa ist, aber hier ist es unmöglich. Er musste dafür sorgen dass diese Leute Jobs bekamen. Deshalb startete er Homeboy Industries. Es begann mit einer Bäckerei, dann eröffnete er eine Schule in die die Kids gehen konnten. Aus den anderen Schulen wurden diese Kinder hinausgeworfen weil sie Gangmitglieder waren. Um es kurz zu machen: Homeboy Industries ist mittlerweile das weltweit größte Interventionsprogramm für Gangs mit über 2000 Tattooentfernungen pro Monat-

Skin Deep - Francisco Flores

Francisco F.

2000 pro Monat?

Ja, es ist verrückt. Die haben dort medizinische Geräte die fast rund um die Uhr laufen. Sie bieten Bildungsprogramme an. Sie zahlen den Menschen, die dort arbeiten, einen Mindestlohn. Damit lehren sie Empathie, Liebe und Verständnis anstatt die Leute ins Gefängnis zu stecken wie es hier in Amerika üblich ist, weil damit Geld verdient wird. Aber das ist eine andere Geschichte [lacht].

Wie auch immer, das ist also der Hintergrund von Homeboy Industries. Wie ich schon gesagt hatte, eine Freundin arbeitete kurz dort und sie lud mich ein eine Dokumentation über das Projekt mit dem Titel “G-Dog” anzuschauen. So nennen sie Pater Greg: “Father G”. Er ist ein echter Homie, spricht den Slang, ein echter Homeboy halt [lacht].

Muss er wahrscheinlich auch, oder?

Ja klar. Also habe ich mir diese Doku angeschaut und wenn Du das siehst, dann kannst Du nicht unberührt bleiben. Im Grunde sieht man Gangmitglieder oder Ex-Mitglieder als das, was sie wirklich sind: Jemand der ohne Möglichkeiten und in Armut aufgewachsen ist. In der Regel sind die Mutter, der Vater, die Großeltern oder die Cousins alle Bandenmitglieder. Das ist sehr weit verbreitet. Die kleinen Kinder wachsen in dieser Umgebung auf in der es kein Geld, keine Hoffnung und nichts als Gewalt und Drogen gibt. Ich mag diese Menschen, zum Beispiel die 12-jährigen die in den Gangs sind. Sie kommen mit 13 in Jugendarrest und wenn sie 16 sind geht es dann ins richtige Gefängnis. Ihr Leben ist von Anfang an versaut. Man sieht diese Fälle, sieht die Armut und ist einfach tief bewegt.

Aber gleichzeitig wollte ich nicht wie jeder andere sein, der diese Menschen mit ihren Tätowierungen fotografiert. Man muss auch etwas zurückgeben. Ich sah die Tattooentfernungen und hatte eine Idee: “Was, wenn ich die Tätowierungen mit Photoshop entferne und den Menschen zeige wie sie aussehen? Ich frage mich was sie davon halten.” Und das ist im Grunde die Idee. Als ich zuhause war lud ich Fotos einiger Gangmitglieder aus dem Internet herunter, entfernte schnell die Tätowierungen, filmte das Ganze mit meinem Handy und ging am nächsten Tag zu Homeboys zurück um die Ergebnisse zu zeigen. So begann alles. Das war jetzt aber ein Mundvoll [lacht].

Skin Deep - Vincon Ramos

Vincon R.

Das ist kein Problem [lacht]. Was hielten die Leute am Anfang von Deiner Idee? Waren sie sofort mit an Bord oder sagten sie “Nein, ich will das nicht machen”?

Jeder hat eine gewisse Vorstellung von einem Gangmitglied. Zu dem Zeitpunkt ging ich zu Homeboy Industries und die Jungs dort sind in der Regel ja schon aus den Banden raus und ein bisschen daran gewöhnt über ihre Geschichten und Erlebnisse zu sprechen, denn das ja auch ein Teil dessen, was sie dort tun. Sie werden dazu gebracht mit normalen Leuten von der Strasse über ihre Geschichte zu reden.

Ich ging also dorthin, zeigte meine Bilder und die Reaktionen reichten von “Holy shit, fool” bis hin zu “Yeah, man. That’s crazy”. Meine Freundin stellte mich dem Mann vor den Du vorhin erwähnt hast, Marcus. Mit ihm und zwei, drei anderen schlichen wir uns raus. Zu meinem Studio waren es ungefähr fünf Minuten, das war das gar nicht so schlimm. Sie sehen alle etwas tougher in meinem Buch aus weil sie sich nicht wirklich sicher waren was da genau passierte [lacht]. Ich fotografierte sie. Gleichzeitig versuchte ich nicht zu viel über sie zu erfahren. Ich stamme aus dem Norden Englands, Arbeiterklasse. Mein Vater ist Klempner, also denke ich dass ich aus einer Position heraus auf sie zuging, die nicht hochgradig intellektuell ist und in der ich mir einbilde, alles über Bandenmitglieder zu wissen bzw. einen Universitätsabschluss in der Psychologie von Gangmitgliedern zu haben. Ich ging als ganz normaler Typ auf sie zu.

Verstehe…

Auf dem Rückweg brachte ich Ihnen bei wie man in [britischem] Englisch flucht und versuchte ganz down-to-earth zu sein. Ich machte also die Fotos, brachte sie zu Homeboys zurück und verbrachte die nächsten drei Tage mit dem Retuschieren der Bilder, etwas, was ich in dieser Form in Photoshop bis dahin noch nicht gemacht hatte. Es war ganz schön zeitaufwendig.

Skin Deep - Mario Luna

Mario L.

Wenn man die Qualität der Bilder sieht weiß man, dass es eine Menge Zeit gekostet hat. Man kann, glaube ich, nicht einfach die Tattoos ein bisschen wegretuschieren und ZACK! Das Ergebnis würde einfach Scheiße aussehen. Aber in Deinem Fall sehen die Fotos aus als hätten die Jungs nie Tätowierungen gehabt.

Ja, Du musst wirklich ganz nah rangehen und es langsam machen. Und wenn Du eine Stelle hast die total zugestochen ist, nimmst Du Deine eigene Haut, oder die einer anderen Person, die ähnlich ist, und legst sie darüber. Dann musst Du auch nach den Narben und Wunden suchen und machst die wieder sichtbar. Alles eine Frage von Ebenen. Aber Du weißt, wenn es nicht gut aussieht wird es nicht funktionieren. Sie müssen sich in den Bildern nicht nur wiedererkennen, wenn Du eine Schusswunde oder Narbe vergisst hörst Du “Yeah, aber ich weiss nicht, ich habe die Narbe ja gar nicht die ich immer hatte!”.

Und natürlich hast Du die anderen Fotografen die sich Deine Bilder anschauen, und die sind ziemlich kritisch.

Ich habe einige der Reaktionen in den Videos gesehen. Gab es eigentlich irgendjemanden der mit Deiner Arbeit nicht zufrieden oder sogar verärgert war? Die meisten sahen so aus als wären sie tief gerührt.

Weißt Du was? Der Grund warum dieses Projekt so viel Power hat ist die Tatsache, dass es sich um Gangmitglieder handelt! Ich sage nicht dass das alles wundervolle Menschen sind und das das Leben fantastisch ist, jetzt wo sie aus den Gangs raus sind. Man muss nicht mit jedem von ihnen Freundschaft schließen. Sie sind nur ganz normale Menschen. Einige sind sehr nett. Mit anderen kommst Du nicht klar. Die meisten von ihnen sind Mexikaner, bedingt durch die Gegend in der ich die Fotos gemacht habe. Da gibt es dann viel Draufgängertum, viele Barrieren, viele Mauern. Wenn man dann mit diesen Fotos ankommt ist das eine großartige Möglichkeit diese Mauern niederzureissen. Und plötzlich sprichst Du auf Augenhöhe mit jemandem als menschlichem Wesen. Kein “Yo. Hey bro!”. Nichts von dem harten Scheiß!

Es war auch immer sehr emotional wenn sich jemand ohne seine Tätowierungen sah, denn die repräsentieren ja auch unter anderem viel erlebten Schmerz, den Tod und Gedenken an viele Dinge. Und natürlich die aufkommende Frage “Was wäre gewesen, wenn…?”

Skin Deep - Dennis Zamran

Dennis Z.

Das kann ich verstehen.

Da war dieser eine Typ der sich die Fotos angeschaut hat und sagte: “Das bin nicht ich.” Eine Woche später war er wieder im Knast, denn er war immer noch schwer in den Gangs aktiv. Sein Bild darf ich beispielsweise nicht zeigen, weil er mir die Erlaubnis dazu verweigert hat.

Warst Du eigentlich an irgend einem Zeitpunkt in Gefahr?

Es hat sich nie so angefühlt. Ich denke, das Gefährlichste war in diese Nachbarschaften zu gehen um die Interviews durchzuführen. Ich erinnere mich, einmal war ich in einer ziemlich miesen Gegend unterwegs, nachts, mit meinen Kameras. Drei Blocks bis zu meinem Auto. Und der Homeboy meint zu mir “Yeah, Mann, das ist zwar meine Nachbarschaft, aber ich würde hier nachts nicht wirklich rumlaufen wollen.[lacht]. Ich sagte “Großartig, vielen Dank, alles klar!”.

Aber ich hatte ja nicht wirklich mit aktiven Gangmitgliedern zu tun. Es ging bei diesem Projekt um Menschen, die ihr Leben ändern wollten.

Hatte dieses Projekt auch eine bleibende Wirkung auf Dich? Hat es Deine Sichtweise auf irgendeine Art verändert?

Das war das erste Mal dass ich ein Projekt hatte bei dem ich emotional involviert war. Da kann man nichts dagegen tun. Das ganze Projekt ist eine Metapher für die philosophische Frage wie Du für Dein Aussehen beurteilt wirst. Wir alle haben unsere eigene Lebensphilosophie aber ich habe immer geglaubt dass es einen Grund für unseren Rassismus oder die Tatsache, dass wir über andere so schnell urteilen, gibt. Jeder urteilt. Wenn Du die Straße entlang gehst und ein Gangmitglied auf Dich zukommen siehst bist Du vorsichtig. Du sollst natürlich nicht so naiv sein und denken “Oh, wahrscheinlich ist er ein ganz netter Typ tief drinnen![lacht]. Aber ich kann nicht automatisch sagen dass diese Person ein schlechter Mensch ist, weil ich seine Geschichte gar nicht kenne. Ich kann nicht sagen dass eine Kultur schlechter ist nur weil es nicht meine eigene ist.

Diese Stereotypen werden aber benutzt um die Bevölkerung hier zu manipulieren. Und es funktioniert. Dieses Buch aber sagt: Nein, das ist Bullshit. Du musst erst etwas über die Person erfahren bevor Du über sie urteilen kannst. Und das ist auch Pater Greg’s Standpunkt. Man muss zu den Sanftmütigen stehen. Um etwas zu verändern muss man Einfühlungsvermögen, Liebe, Verständnis und all diese Dinge haben. Und das änderte sich für mich: Meine Entschlossenheit in diesen Dingen wurde gestärkt.

Skin Deep - David Pina

David P.

Was hast Du für die Zukunft vor? Irgendwelche Pläne?

Nun, ich würde das Projekt gerne fortsetzen, obwohl ich das Buch nicht mehr sehen kann weil das alles so lange gedauert hat. Dann habe ich die Aryan Nation gesehen, mit den auf ihren Gesichtern tätowierten Hakenkreuzen. Das wäre zwar das gleiche Thema wie bei den Homeboys, allerdings in einer völlig anderen Richtung. Ich könnte mir vorstellen ein Weblog daraus zu machen und es dann vielleicht einem TV-Network anzubieten.

Steven, ich muss sagen, das war wirklich sehr interessant und spannend.

Vielen Dank, ich weiß das zu schätzen.

Ich wünsche Dir viel Erfolg und Glück in der Zukunft.

Danke Dir! Dir auch viel Glück mit allem und auch mit Deinem Blog.

Weiterführende Links
Bildnachweis: From Skin Deep by Steven Burton, published by powerHouse Books.

Thilo Heffen

Thilo Heffen wurde 1970 geboren und ist immer noch nicht tot. Sein Berufsleben besteht zum großen Teil aus Titeln mit dem Präfix „Ex-„, wie zum Beispiel Ex-Soldat, Ex-Netzwerkingenieur, Ex-Filmemacher, Ex-Operations Manager oder Ex-Niederlassungsleiter. Wird er gerade nicht von Frau, Kindern oder Hund in Beschlag genommen, versucht er auf EXIMUM Beiträge so interessant zu schreiben, dass sie auch von anderen gerne gelesen werden.

Hinterlassen Sie einen Kommentar!

Gewinnen Sie dieses Weihnachten einen von sechs stilvollen Preisen

Es ist wieder Happy Time und wir wollen unseren Newsletter-Abonnenten mit exklusiven Geschenken eine Freude machen.

Abonnieren Sie den EXIMUM-Newsletter und verpassen nie mehr eines unserer Giveaways!
Ich bin dabei!
Wir hassen SPAM. Von uns erfährt niemand Ihre Daten.
close-link