Warum Männer ab 40 seltsam werden!

Gibt es die berüchtigte "Midlife-Crisis" wirklich oder nicht?

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Da steht man mitten im Leben und alles läuft eigentlich gut. Es gibt keine größeren Probleme und keine Sorgen. Aber trotzdem knirscht es innerlich.

Du wachst morgens auf, siehst dein Gesicht im Spiegel und fragst dich, wann du eigentlich angefangen hast, anders zu schauen. Nicht älter, aber nachdenklicher. Weniger nach Hunger, mehr nach Zweifel.

Deine Routinen stützen dich, ja, und das ist auch gut so. Aber sie drücken auch. Und irgendwann sagst du dann Sätze wie: Früher war ich anders, irgendwie.

Was passiert da mit dir? Oder mal anders gefragt: Warum werden Männer ab 40 oft seltsam?

Schau dich mal in deinem Bekanntenkreis um. Gibt es da welche, die distanzierter und reizbarer wirken? Vielleicht manchmal getrieben und auch melancholisch? Wenn ja, liegt die Antwort, wie so oft, nicht in einer einzelnen Ursache. Es ist ein Zusammenspiel verschiedener Faktoren, wie beispielsweise Biologie und Verantwortung.

Und einer leisen Identitätskrise, die kaum jemand bemerkt, aber innerlich in einem selbst brodelt.

Die Mitte fühlt sich einfach anders an

Was ich in Gesprächen mit Freunden, Bekannten und anderen Männern festgestellt habe – und was ich auch bei mir selbst gesehen habe – ist, dass sich das eigene Koordinatensystem ab vierzig verschiebt.

Die Ziele, die einen früher angetrieben haben, zum Beispiel die eigene Karriere, die Familie oder generell der Leistungsgedanke, sind zum großen Teil erreicht. Oder sie fangen an, sich langsam wieder aufzulösen. Und am geistigen Horizont taucht die Frage auf: Wofür mache ich das alles eigentlich noch?

Psychologen der University of Alberta fanden heraus, dass die Zufriedenheit im Lebensverlauf wie eine U-Kurve verläuft. Sie sinkt bis ungefähr Mitte vierzig, bevor sie wieder ansteigt (Blanchflower & Oswald, 2019). Männer in dieser Phase berichten häufig von einer inneren Leere und Gereiztheit, dazu dem Gefühl, neben sich zu stehen.

Der Grund ist kein persönliches Versagen, sondern ein Systemwechsel. Denn zum ersten Mal schaust du wirklich zurück auf das, was in deinem Leben passiert ist – und nicht mehr nur nach vorne. Du spürst, dass deine Möglichkeiten langsam endlich werden. Und dass nicht alles, was du wolltest, tatsächlich noch in deinem Leben passieren wird.

Vielleicht kennst du das: dieses leise Unbehagen, wenn du in einem Meeting sitzt, alle eifrig nicken und zustimmen – und du dich fragst, was soll das? Wofür mache ich das eigentlich?

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Der stille Druck im Kopf

Es existiert eine traurige Wahrheit, nämlich die, dass viele Männer zwar funktionieren, aber dabei innerlich erodieren.

Nach außen wirkt alles stabil – Arbeit, Familie, Verpflichtungen und das Leben insgesamt. Aber innen wächst ein Riss zwischen dem, was man zeigt, und dem, was man wirklich fühlt.

Der Psychologe Dan Gilbert von der Harvard University nennt das die Illusion des stabilen Selbst. Wir glauben, der Mensch zu sein, der wir immer waren, bis das Leben uns eines Besseren belehrt. Der Wandel in der Lebensmitte zwingt uns damit, alte Rollen loszulassen.

Wir sind vielleicht nicht mehr der Macher, der wir immer waren. Nicht mehr der Beschützer, der wir sein wollten. Und nicht mehr der stoische, unerschütterliche Mann, dem das Leben nichts anhaben kann und der alles souverän im Griff hat.

Wer das nicht erkennt, flüchtet oft nach vorne. Er stürzt sich in Arbeit, in Sport, in eine Affäre – oder konsumiert einfach, um sich selbst nicht zu spüren. Der britische Soziologe Anthony Giddens nennt das Flucht in Handlung. Aktivität, um der Stille auszuweichen, die man in sich spürt.

Ironischerweise wäre genau diese Stille das, was helfen würde.

Was heißt das im Alltag? Mach nicht mehr, mach es bewusster. Viele Männer verlieren nämlich nicht ihre Energie, sondern ihre Richtung.

Wer die Stille in sich einmal zulässt, der sieht klarer, was ihm wirklich fehlt. Das kann Nähe sein. Oder vielleicht Anerkennung. Vielleicht auch Sinn. Oder einfach nur Ruhe.

Die Biologie spielt eine Rolle (aber sie bestimmt nicht)

Viele sagen: Hey, die Hormone verändern sich eben auch beim Mann.

Und ja, das tun sie.

Der Testosteronspiegel beispielsweise sinkt ab vierzig durchschnittlich um etwa ein Prozent pro Jahr (RKI, 2022). Das kann zu Müdigkeit, zu geringerer Libido und auch zu Reizbarkeit führen. Aber das ist nur ein Teil des Puzzles.

Es gibt eine Zahl von Studien (u. a. Harvard Men’s Health Watch, 2023), die belegen, dass Männer mit stabilen sozialen Beziehungen und klaren Routinen deutlich weniger Symptome dieser sogenannten männlichen Wechseljahre erleben – selbst bei gleichem Hormonspiegel.

Die eigentliche Medizin heißt also: gute Gespräche führen, Bewegung in den Alltag bringen und sich Strukturen schaffen.

Denn kein Supplement, kein Wundermittel der Welt ersetzt echte Verbundenheit – und den Respekt vor dem eigenen Körper.

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Die Beziehung als Spiegel

Wenn Männer in der Lebensmitte ins Straucheln geraten, trifft es oft zuerst die Beziehung. Der Rückzug, die Gereiztheit oder der plötzliche Aktionismus wirken auf Partnerinnen oder Partner oft wie Ablehnung. Natürlich besonders, wenn man nicht offen und ehrlich miteinander sprechen kann.

Aber auch wenn es für die andere Seite wie Ablehnung aussieht, steckt dahinter nicht selten Ratlosigkeit. Männer lernen häufig immer noch nicht, über ihre Ohnmacht zu sprechen. Stattdessen flüchten sie, wie schon gesagt, unter Umständen in unkoordinierten und zerstörerischen Aktionismus.

Wie eine Studie der University of Michigan (2021) zeigte, wählen Männer in persönlichen Krisen dreimal häufiger destruktive Bewältigungsstrategien als Frauen. Was heißt das konkret? Alkohol, Überarbeitung oder Rückzug. Dinge, die man im schlimmsten Fall von sich selbst oder aus dem eigenen Bekanntenkreis kennt.

Hier hilft kein Appell. Hier hilft Haltung. Die Krise ist kein Zeichen von Schwäche, sondern ein Signal, dass du dich neu ordnen musst.

Eine einfache Routine kann schon helfen: Führe einmal pro Woche ein ehrliches Gespräch – zwanzig Minuten, ohne Telefon und ohne Ablenkung. Lass nur eine Frage stehen: Was hat dich diese Woche beschäftigt – im Kopf, nicht im Kalender.

Diese kleine Übung kann Nähe schaffen und verhindern, dass die Entfremdung Raum gewinnt.

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Lies den vollständigen Cornerstone-Artikel Männlichkeit ab 40, der zeigt, wie Identität, Stärke, Körper, Verantwortung und Karriere in der Lebensmitte neu zusammenspielen.

Sinn statt Speed

In der Psychologie gibt es den Begriff der Generativität. Er beschreibt das Bedürfnis, etwas zu hinterlassen, das über einen selbst hinausgeht. Was man hinterlassen möchte, variiert dabei von Person zu Person. Vielleicht ein Bauwerk, eigene Kinder, ein selbst geschriebenes Buch oder etwas anderes, das einen selbst überdauert. Hast du diesen Wunsch auch schon gehabt? 

Männer ab vierzig spüren diesen Ruf besonders stark. Es ist etwas, das in ihnen leise, aber dauerhaft, arbeitet. Wer diesen Impuls ignoriert, der bleibt innerlich leer, selbst wenn der Terminkalender voll ist.

Die Universität Zürich fand heraus, dass Männer, die ihre Werte und Aufgaben in Einklang bringen, deutlich mehr Lebenszufriedenheit empfinden als jene, die einfach nur funktionieren.

Daraus entsteht eine entscheidende Verschiebung, nämlich die vom Streben nach Leistung weg und zum Streben nach Bedeutung hin.

Zwei Routinen, die helfen:

  1. Gewöhn dir eine tägliche Reflexion von fünf Minuten an. Notiere abends, wofür du den Tag über Verantwortung übernommen hast. Das ist kein Dankbarkeitskitsch – das brauchst du nicht. Schreib einfach nur die Fakten auf: Dafür habe ich heute Verantwortung übernommen. Punkt.
  2. Mach einen wöchentlichen Reset. Ein halber Tag pro Woche ohne Ziele, ohne Bildschirme. Das ist keine Flucht, sondern eine Rückkehr. Eine Rückkehr zu dir selbst.

Fazit: Die zweite Halbzeit ist kein Abstieg

Auch wenn es sich oft so anfühlt, ist die Lebensmitte kein Zerfall. Im Gegenteil: Sie ist eine Chance, sich neu zu justieren.

Wer den Mut hat, sich den eigenen Fragen zu stellen, wird ruhiger und nicht müder. Seltsam wird man nur, wenn man versucht, weiterzuspielen, als wäre nichts passiert. So als würde sich ein Dreiundsiebzigjähriger wie ein Sechzehnjähriger anziehen.

Das Geheimnis ist einfach: weniger Flucht, mehr Haltung. Weniger Tempo, mehr Richtung.

Häufig gestellte Fragen!

Ja, und zwar nachweislich. Körperliche Bewegung senkt Stresshormone, stabilisiert Testosteronspiegel und verbessert die Schlafqualität. Eine Metaanalyse im Journal of Affective Disorders (2022) zeigt, dass regelmäßiges Ausdauertraining depressive Symptome um bis zu 30 % reduzieren kann. Bewegung ist kein Ersatz für Einsicht – aber ein Fundament für Stabilität.

Sehr. Gesprächstherapie, Coaching oder verhaltenstherapeutische Ansätze schaffen Struktur, Selbstklärung und neue Perspektiven. Besonders wirksam sind Programme, die Reflexion mit konkretem Handeln verbinden. Forschung der Harvard Medical School belegt, dass Selbstwirksamkeit – also das Erleben, etwas gestalten zu können – einer der stärksten Schutzfaktoren gegen depressive Krisen ist.

Ja, aber sie verläuft oft anders. Frauen berichten seltener von impulsiven Ausbrüchen und häufiger von innerer Erschöpfung, Sinnsuche oder Identitätskonflikten. Untersuchungen der London School of Economics zeigen, dass der Wendepunkt bei Frauen im Durchschnitt etwas früher einsetzt, häufig parallel zu hormonellen und familiären Übergängen.

Anhalten. Statt zu fliehen oder zu kompensieren, den Blick nach innen richten. Studien der University of Michigan zur Resilienzforschung zeigen, dass Akzeptanz – das bewusste Wahrnehmen, ohne sofort zu reagieren – der Beginn jeder Veränderung ist. Der erste Schritt ist also ein Satz, ehrlich ausgesprochen, zuerst vor dir selbst: So will ich nicht weitermachen. Von dort beginnt Richtung.

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