Tauziehen: Acht Menschen, ein Seil und erstaunlich viele Regeln

Mannschaft bei einem Tauzieh-Wettkampf auf einer Wiese

Acht Menschen betreten nacheinander eine Waage. Jeder einzeln, jeder mit einem offiziell festgestellten Gewicht, das anschließend für die Mannschaft zusammengerechnet wird. Erst wenn diese Summe stimmt, dürfen die Acht überhaupt gemeinsam an ein Seil greifen. Mit beiden bloßen Händen, im vorgeschriebenen Griff, das Seil zwischen Körper und Oberarm – alles andere gilt als Regelverstoß.

Die Mannschaft ist mehr als nur eine Zahl

Zuständig für den internationalen Wettkampfsport ist die Tug of War International Federation, kurz TWIF. Gegründet wurde sie 1960, mittlerweile führt sie 75 Mitgliedsverbände und Gebiete in ihrem Regelwerk. Wer international antritt, wird nicht nach individuellem Höchstgewicht eingeteilt, sondern nach dem, was die acht Ziehenden zusammen auf die Waage bringen. Bei den Männern kennt das TWIF-Regelwerk für Seniorenteams die Klassen bis 560, 600, 640 und 680 Kilogramm, bei den Frauen bis 500 und 540. Rechnet man das in der 640-Kilo-Klasse herunter, landet man bei 80 Kilogramm pro Athlet.

Entscheidend ist am Ende nicht das Gewicht des Einzelnen, sondern die Summe der ganzen Mannschaft. Ein schwererer Athlet lässt sich über leichtere Kollegen ausgleichen – und genau das macht aus dem Gewichtslimit eine echte taktische Frage: Wer nimmt zwei Kilo ab, damit ein anderer zwei mehr mitbringen darf?

Vor internationalen Wettkämpfen steigt deshalb jeder potenzielle Zieher einzeln auf eine offizielle Waage. Bis zur vorgeschriebenen Markierung dürfen Trainer die Aufstellung noch ändern, solange am Ende das Gesamtgewicht der Klasse stimmt. Bei der Outdoor-WM 2026 in Mossel Bay, Südafrika, steht dieses individuelle Wiegen für Dienstag, den 15. September, auf dem Programm – also einen Tag vor dem ersten Wettkampf.

Auch die deutsche Männer-DM 2026 in Böllen wurde in der 640-Kilo-Klasse ausgetragen. Zwei Jahre davor holte die deutsche Nationalmannschaft bei der Tauzieh-WM in Mannheim Gold in der 680-Kilo-Klasse. Im parallel laufenden Klubwettbewerb gewann in derselben Gewichtsklasse die Zuggemeinschaft Goldscheuer – ein Nationalteam und ein Verein, die beide an derselben 680-Kilo-Grenze gemessen wurden.

Zwei Hände greifen ein dickes Tauziehseil

Ein Seil mit Normen

Auch das Sportgerät selbst ist alles andere als beliebig. International muss das Wettkampfseil einen Umfang zwischen 10 und 12,5 Zentimetern haben. Für die betreffende Meisterschaft ist ein 36 Meter langes Seil vorgesehen, frei von Knoten und Griffhilfen. Fünf Markierungen in drei Farben sind vorgeschrieben: eine in der Mitte, je zwei bei vier und fünf Metern links und rechts davon. Gewonnen ist ein Zug, wenn die gegnerische Vier-Meter-Markierung die Mittellinie auf dem Boden passiert. Am Ende des 36 Meter langen Seils entscheidet trotzdem nur eine kurze Strecke – kaum länger als ein Kleinbus.

Selbst die Schuhe sind reguliert, und zwar anders, als man erwarten würde. Nach der deutschen Wettkampfordnung dürfen Sohle und Absatz keine Spikes, Nägel oder ausgeprägtes Profil haben; erlaubt ist höchstens eine bündig abschließende Metallplatte am Absatz von maximal 6,5 Millimetern Dicke. Der Absatz selbst darf höchstens 25 Millimeter hoch sein. Was im Alltag als besonders griffig gelten würde – Spikes, Noppen, ausgeprägtes Profil –, ist draußen gerade nicht erlaubt.

Eine Sonderrolle hat der letzte Mann im Team, der Anchor. Bei ihm darf das Seil diagonal über den Rücken und die Schulter laufen – eine Ausnahme, die sonst niemandem zusteht.

Das hier ist wirklich kein Freizeitscherz

Dass es dabei ernst zugeht, zeigt auch eine ältere Befragung: Bei der WM 1998 wurden alle 990 teilnehmenden Athletinnen und Athleten zur Teilnahme an einer Befragung eingeladen, 252 antworteten. Rund ein Drittel von ihnen berichtete von früheren tauziehbezogenen Verletzungen, meist Zerrungen und Verstauchungen, am häufigsten im Rücken-, Schulter- und Kniebereich. Die Zahlen sind mit Vorsicht zu lesen: Die Untersuchung basiert auf Selbstauskünften, nur rund ein Viertel der eingeladenen Athleten antwortete, und aktuell sind die Daten ohnehin nicht mehr.

Olympisch war Tauziehen tatsächlich: von 1900 bis 1920, bei fünf Spielen, zuletzt in Antwerpen. Heute gehört die Disziplin zum Programm der World Games und ist auch für Karlsruhe 2029 vorgesehen.

Am Ende bleibt eine Sportart, die aussieht, als bräuchte man dafür nichts als acht Leute und schlechte Laune – und die tatsächlich mit Einzelwaage, Millimeterangaben an der Schuhsohle und einer vier Meter langen Ziellinie auskommt.


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