Mitte der Achtziger habe ich für ein Mädchen ein Mixtape gemacht. Ich war verliebt, sie eigentlich nicht, aber das war mir damals nicht so klar wie heute.
Stundenlang saß ich vor dem Kassettenrekorder, einem dieser Doppeldecker mit eingebautem Radio, und wartete darauf, dass die richtigen Songs liefen, damit ich sie mitschneiden konnte. Der beste Tipp damals: Beim Moderator vorher die Stopptaste drücken, sonst hatte man immer dieses dämliche Ende-Gequatsche auf der Aufnahme.
Ich habe das Cover selbst gestaltet, mit Filzstift und Schere und einer Mischung aus Zuversicht und Verzweiflung, die nur Sechzehnjährige hinbekommen.
Sie hat sich bedankt, indem sie mich zum Essen einlud. Es gab Salat mit Fetakäse. Oh Gott! Wenn mich auf dieser Welt eine Sache zuverlässig umbringen kann, dann ist es FETAKÄSE. Aber ich habe gegessen, weil ich verliebt war und weil ich dachte, das gehört halt dazu.
Zwei Wochen später hatte sie einen anderen Freund.
Das Mixtape ist weg. Den Geschmack von Feta habe ich heute noch im Mund, wenn ich nur an die Geschichte denke. An die Tracklist erinnere ich mich auch nach all den Jahren noch.
Das soll mir mal einer erklären.

Du hörst Dich selbst von früher
Kennst Du das auch? Dass Dir mit den Jahren auffällt, dass ein Song manchmal mehr über Dein Leben weiß als Du selbst? Mir geht das auf jeden Fall so.
Ich kann mich zum Beispiel nicht mehr daran erinnern, was ich letzten Montag zu Mittag gegessen habe. Aber ich kann jede einzelne Sekunde des Sommers 1987 wiederherstellen, wenn die richtige Plattenseite anfängt. Das ist keine Sentimentalität. Das ist Mechanik.
Die Forschung nennt das den Reminiscence Bump, den Erinnerungs-Höcker. Erinnerungen aus der Phase zwischen vierzehn und vierundzwanzig brennen sich besonders tief ein.
Wenn Du Sechzigjährige fragst, an welche Lebensphase sie sich am lebhaftesten erinnern, sagen sie selten „letzten Sommer“. Sie sagen „mit zwanzig“. Und Musik ist in diesem Höcker das stärkste aller Werkzeuge. Sie geht direkt an den Sprachzentren vorbei in die Emotionen. Erstaunlicherweise überlebt sie sogar im Hirn von Demenzkranken, wenn die Namen der eigenen Kinder schon längst weg sind.
Warum? Vielleicht, weil Du nicht nur einen Song hörst. Du hörst Dich selbst von früher.
| Warum Musik bei Demenz oft das Letzte ist, was bleibt Ein 68-jähriger Profi-Cellist, behandelt an der Berliner Charité, erkrankte vor einigen Jahren an einer Herpes-Enzephalitis. Die Folge: Er erkannte seine Angehörigen nicht mehr, konnte keinen deutschen Fluss benennen, keinen Kanzler. Sein Gedächtnis war fast vollständig ausgelöscht. Was er konnte: Cello spielen. Fehlerlos. Noten lesen. Sogar neue Stücke, die ihm die Ärzte vorspielten, konnte er sich merken. Die Neurologen sprachen damals von einer „Insel intakter Kognition inmitten eines schweren Gedächtnisverlusts“. Das Musikgedächtnis, so die Vermutung, liegt im Gehirn an einem anderen Ort als der Rest. Geschützter. Robuster. Älter vielleicht. Das heißt, dass die Songs, die Du mit siebzehn rauf und runter gehört hast, in einem Teil Deines Kopfes liegen, der besonders gut gegen das Vergessen abgesichert ist. Das ist nicht romantisch. Das ist Anatomie. |
Musik als Männersprache
Und hier ist etwas, das mir erst spät klar wurde: Wir Männer reden über Musik, wenn wir nicht über uns reden wollen.
Wir tauschen keine Gefühle aus, wir tauschen Songs. Wir erklären keinen Schmerz, wir empfehlen ein Album. Und wir haben keine Geständnisse gemacht, wir haben Mixtapes gebastelt. Das war und ist kein Vermeidungsverhalten, das ist eine Übersetzung.
Denn Männer haben über Generationen gelernt, das Innere durch das Äußere mitzuteilen – durch Werkzeug, durch Auto, durch Hobby. Musik ist davon die zarteste Variante. Sie ist direkt genug, um etwas zu sagen, und indirekt genug, um nicht ganz nackt dazustehen.
Vielleicht ist das einer der Gründe, warum Männer ihren Jugend-Soundtrack im Schnitt stabiler durchs Leben tragen als Frauen. Frauen erweitern ihr Repertoire mit den Jahren. Männer kehren zurück. Sie gehen schon mit der Zeit, aber das eigentliche Hauptmenü bleibt da, wo es immer war: bei dem, was sie mit zwanzig aufgelegt haben, wenn jemand zu Besuch kam.
Und außerdem war die Musik früher eben einfach besser, oder? Klar war sie das!

Der falsche Bahnhof
Meinen ersten tragbaren CD-Player hatte ich Ende der Achtziger. Das war so ein Ding von Sony, bei dem der Laser bei jeder Erschütterung zur Mitte des nächsten Liedes gesprungen ist. Ahhh, die Anfänge moderner Technik. Wer vermisst sie nicht?
Die erste CD, die ich mir dazu gekauft habe, war Floodland von The Sisters of Mercy. Die ist mir aber später von so einem Idioten geklaut worden. Damals fuhr ich von zu Hause nach Mannheim, ins Vorstudium an der Freien Kunstakademie.
Eines Morgens schlafe ich auf der Strecke ein, mit Lucretia, My Reflection in den Ohren, und wache nicht in Mannheim auf, sondern in Heidelberg. Beim Aussteigen stehe ich, schlaftrunken, mitten in einer Schlägerei zwischen Skinheads und ich weiß bis heute nicht, wer die anderen waren. Wie ich da rausgekommen bin, weiß ich auch nicht mehr.
Was ich aber weiß: welches Lied gerade lief.
So funktioniert das mit der Musik aus der Jugend. Der falsche Bahnhof bleibt. Die Faust, die an Dir vorbeifliegt, bleibt. Das Album bleibt. Was Du am Abend vorher gegessen hast: weg. Ist das eine Form selektiver Demenz? Erklär Du es mir.
| Nostalgie ist keine Schwäche, sie ist messbar gesund Lange galt das Sehnen nach früher als sentimentale Anwandlung – schön, aber irgendwie auch ein bisschen weinerlich. Die Forschung der letzten Jahre sagt etwas anderes. Eine finnische Studie der Universität Jyväskylä hat fast 1.900 Menschen aus 84 Ländern nach dem einen Lied gefragt, das ihnen im Leben am meisten bedeutet. Das Ergebnis: Die meisten dieser prägenden Songs stammen aus dem 17. Lebensjahr. Bei Männern noch eine Spur früher als bei Frauen. Studienleiterin Iballa Burunat erklärt es so: „Man kann sich das jugendliche Gehirn wie einen Schwamm vorstellen – voller Neugier, voller Belohnungshunger, aber noch ohne ausgereiften Filter.“ Was in dieser Phase passiert, wird besonders tief gespeichert. Lebenslang. Und das Hören dieser alten Lieder ist nicht bloß Wohlfühlerei. Es aktiviert nachweislich den Hippocampus für die Erinnerung und die Amygdala für die Gefühle gleichzeitig. Deshalb das ganze Kino vor dem inneren Auge, bevor Du überhaupt erkannt hast, welcher Song da gerade läuft. Kurz: Wenn Du im Auto Higher Ground aufdrehst und für drei Minuten wieder einundzwanzig bist, ist das kein nostalgischer Rückzug. Das ist Dein Gehirn, das funktioniert, wie es soll. |
Der kürzeste DJ-Job der Welt
Ein paar Jahre später, wir sind immer noch in den späten Achtzigern, hatte ich einen Freund, der in einem Club Musik auflegte. Als ich ihn dort besucht hatte, fragte mich der Betreiber, ob ich nicht auch mal Lust hätte. „Klar“, sagte ich. In Musik kenne ich mich aus. Hätte ich nur meine Klappe gehalten. Der Fluch maßloser, jugendlicher Selbstüberschätzung!
Weil schiefgeht, was schiefgehen kann, legst Du naiv Deine eigene Musik auf und nicht die, die die Leute zum Tanzen brauchen. Ich habe es geschafft, eine volle Tanzfläche in einem halben Song zu leeren. Daraufhin haben sie mich hinter dem DJ-Pult rausgezogen. Eine Karriere war beendet, bevor sie begonnen hatte. Weil ich aber groß und breit genug war und ein böses Gesicht machen konnte, haben sie mich am selben Abend als Türsteher eingestellt. Das habe ich dann zwei Jahre gemacht.
Wahrscheinlich war das die wichtigste Lektion über Männer und Musik, die ich je bekommen habe. Du kannst Dir Deinen Geschmack nicht abgewöhnen. Du kannst ihn nur woanders hören. Im Auto. Oder allein in der Küche, wenn niemand mitkocht.
Häufig gestellte Fragen
Weil Musik aus der Jugend in einer Phase des Lebens kodiert wird, in der das autobiografische Gedächtnis besonders aktiv arbeitet. Forscher nennen das den Reminiscence Bump. Erinnerungen aus dem Zeitraum zwischen vierzehn und vierundzwanzig sind oft lebenslang die stabilsten. Das gestrige Essen war nicht emotional aufgeladen und ist deshalb längst überschrieben.
Nach Studien zur musikalischen Identität schon: Männer halten ihren Jugend-Kanon im Schnitt stabiler über das Leben hinweg. Frauen erweitern ihren Musikgeschmack tendenziell stärker im Erwachsenenalter. Beide Befunde sind Durchschnittswerte, keine Naturgesetze.
Nein. Es ist allerdings einen Gedanken wert, ab und zu auch etwas Neues hineinzuhören. Nicht weil das Alte schlecht wäre, sondern weil das Hirn frische Reize braucht, um nicht in Wiederholungsschleifen einzurosten. Eine neue Band pro Jahr reicht oft schon.
Weil Nostalgie psychologisch nicht das ist, wofür sie lange gehalten wurde. Studien zeigen, dass nostalgische Gefühle Dankbarkeit, soziale Verbundenheit und ein Gefühl von Sinn stärken. Ein Song von früher ist deshalb kein Rückzug ins Gestern, sondern eine kurze Bestätigung, dass das eigene Leben einen Faden hat.
Vom Schock zum Fahrstuhl
Nochmal die 80er. Ich fing irgendwann an, die Red Hot Chili Peppers zu hören. Damals traten die auf der Bühne nackt auf, nur mit Socken über dem Pimmel. Das war ihre Sache, und ich fand allein das schon ziemlich cool und rebellenhaft. Dazu war ihre Musik laut, funky, sperrig, und wenn ich sie zu Hause auflegte, wurde mir regelmäßig gesagt: Was ist das denn für ein Scheiß? Mach das aus.
Heute laufen die Red Hot Chili Peppers im Supermarkt. Auf pseudointellektuellen Gartenpartys von Leuten, die Mother’s Milk von 1989 wahrscheinlich noch nie gehört haben. Im Aufzug. Sie sind Tapete geworden. Das hat mich anfangs ganz schön angekotzt, aber so ist das halt jetzt.
Vielleicht ist es das, was mit der Musik der Jugend auf Dauer passiert. Was damals provoziert hat, wird irgendwann Untermalung. Was uns aus dem Wohnzimmer warf, läuft heute leise im Wartezimmer beim Zahnarzt.
Und vielleicht hängen wir nicht an unserer Jugendmusik, weil sie so besonders war. Sondern weil wir damals so besonders darauf reagiert haben. Eine Reaktion, die mit fünfundzwanzig anfängt, weniger zu werden. Und mit fünfundvierzig kaum noch zu erreichen ist.
Das ist nicht schlimm. Das ist Erwachsensein.
Aber wenn Du im Auto sitzt, mit Mitte fünfzig, und im Radio kommt zufällig Higher Ground in der Chili-Peppers-Version, dann drehst Du lauter. Du kannst nicht anders. Und für drei Minuten und zwanzig Sekunden bist Du wieder der Typ, den damals niemand verstanden hat.
Du hörst keine Musik. Du hörst Dich.
Quellen
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- Janata, P., Tomic, S. T., & Rakowski, S. K. (2007). Characterisation of music-evoked autobiographical memories. Memory, 15(8), 845–860. https://doi.org/10.1080/09658210701734593
- Krumhansl, C. L., & Zupnick, J. A. (2013). Cascading reminiscence bumps in popular music. Psychological Science, 24(10), 2057–2068. https://doi.org/10.1177/0956797613486486
- North, A. C., & Hargreaves, D. J. (1999). Music and adolescent identity. Music Education Research, 1(1), 75–92. https://doi.org/10.1080/1461380990010107Sedikides, C., & Wildschut, T. (2018). Finding meaning in nostalgia. Review of General Psychology, 22(1), 48–61. https://doi.org/10.1037/gpr0000109
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