DAS SCHWEIGEN DER MÄNNER

Mann lehnt erschöpft den Kopf gegen eine Mauer – Depression bei Männern wird oft spät erkannt

Hättest Du vermutet, dass jeden Tag in Deutschland im Schnitt 28 Menschen durch Suizid sterben? Hinter dieser Zahl stehen Menschen, die oft lange funktioniert haben, bevor sie innerlich zerbrochen sind. Warum Einsamkeit, Leistungsdruck, Aufgeben und emotionale Isolation längst zu einem gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Problem geworden sind. Und weshalb Reden manchmal tatsächlich Leben retten kann.

Wenn Männer depressiv werden, weinen sie selten. Sie werden gereizt. Streiten häufiger mit der Partnerin, schimpfen auf Kollegen, fahren schneller, trinken mehr. Erschöpft sind sie, klar, aber sie nennen es Stress.

Sie schlafen schlecht und schieben es auf den Job.

So sieht eine Depression bei Männern oft aus. Und genau deshalb wird sie häufig nicht erkannt. Weder von den Betroffenen selbst, noch von den Menschen um sie herum, noch von ihren Ärzten.

Woher ich das weiß? Weil ich selbst depressiv bin und all diese Symptome gezeigt habe. Und einige mehr.

Laut Stiftung Deutsche Depressionshilfe leiden in Deutschland innerhalb eines Jahres rund 8 Prozent der Erwachsenen an einer Depression, also etwa 5,3 Millionen Menschen. Frauen etwa doppelt so häufig wie Männer – jedenfalls, was die offiziellen Diagnosen angeht.

Die Krankheit wird oft gar nicht oder zu spät erkannt. Gerade Männer haben ein Problem damit, sich eine depressive Erkrankung einzugestehen. Im traditionellen Rollenbild bedeutet sie einen Verlust der Männlichkeit und damit auch des gesellschaftlichen Status. Dazu kommt: Männer leiden anders als Frauen.

Eine Depression ist allerdings nicht nur ein Problem mit medizinischen, psychologischen und sozialen Folgen für den Einzelnen. Sie hat auch eine wirtschaftliche Dimension, die immer größer wird.

Der Weg aus dieser Krankheit beginnt für den Einzelnen wie für die Gesellschaft mit demselben Schritt: sie anzuerkennen.

Mann sitzt nachdenklich allein am Tisch – sozialer Rückzug kann ein Symptom einer Depression sein

Wenn Depression nicht nach Depression aussieht

Das Bild der Depression in der öffentlichen Wahrnehmung ist weiblich geprägt. Niedergeschlagenheit, Antriebslosigkeit, Grübeln, sozialer Rückzug – diese Symptome stehen in den Diagnosekriterien, und sie treffen auf viele Frauen zu.

Depression ist eben eine Weiberkrankheit, oder? Hahaha, WIR Kerle haben höchstens einen Burn-out!

Bullshit.

Bei uns Männern verläuft die Erkrankung häufig anders. In der Forschung hat sich dafür inzwischen der Begriff male depression etabliert. Eine in der Harvard Review of Psychiatry veröffentlichte australische Meta-Analyse von 32 Studien mit über 108.000 Teilnehmenden zeigte: Betroffene Männer neigen häufiger zu Alkohol- und Drogenmissbrauch, verhalten sich risikoreicher und haben eine geringere Impulskontrolle.

Reizbarkeit, Wut, Aggressionen gegen sich selbst oder andere – das sind die sogenannten externalisierenden Symptome, die das klassische Bild überlagern.

Anne Maria Möller-Leimkühler, Soziologin und apl. Professorin an der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie der Ludwig-Maximilians-Universität München, hat dafür sogar ein eigenes Screening-Verfahren entwickelt: das Gendersensitive Depressions-Screening (GSDS). Es soll helfen, die Krankheit dort zu erkennen, wo die Standardfragebögen versagen.

Ihr Befund, zugespitzt: Depression werde bei Frauen womöglich überdiagnostiziert, bei Männern unterdiagnostiziert.

Das hat Konsequenzen. Wer eine Depression nicht erkennt, behandelt sie nicht. Und wer sie nicht behandelt, riskiert einen schwereren, chronischen Verlauf. Im schlimmsten Fall den Suizid.

28 Tote pro Tag

Im Jahr 2024 nahmen sich laut Statistischem Bundesamt in Deutschland 10.372 Menschen das Leben. Über 28 pro Tag. 71,5 Prozent davon waren Männer.

Die Suizidrate bei Männern liegt bei 17,9 pro 100.000 Einwohnern. Das ist fast dreimal so hoch wie bei Frauen mit 6,6. Stabil seit Jahren. Der jüngste Anstieg in der Statistik geht vor allem auf Frauen zurück, die Männerzahlen sinken leicht. Am Grundverhältnis ändert das nichts: Wer in Deutschland durch Suizid stirbt, ist mit hoher Wahrscheinlichkeit ein Mann.

Diese Zahl sollte man kennen. In Deutschland sterben mehr Menschen durch Suizid als durch Verkehrsunfälle und illegale Drogen zusammen. Trotzdem wird kaum darüber geredet – und schon gar nicht über den Geschlechteranteil.

Zwischen den ersten Symptomen und der ersten professionellen Hilfe vergehen nach Daten der Stiftung Deutsche Depressionshilfe im Schnitt rund 20 Monate. Männer brauchen tendenziell länger als Frauen.

Zwei Männer im Gespräch über psychische Belastungen und Depression

Schwäche darf nicht sein

Man könnte annehmen, dass sich seit den frühen Kampagnen zur Depression viel geändert hat. Und tatsächlich, die Sichtbarkeit der Erkrankung in der Gesellschaft ist gewachsen.

Das aktuelle Deutschland-Barometer Depression 2024 der Stiftung Deutsche Depressionshilfe und Suizidprävention zeigt: 45 Prozent der Bundesbürger sind direkt oder indirekt von Depression betroffen. 24 Prozent als Erkrankte, 26 Prozent als Angehörige. Die Krankheit ist also alles andere als ein Randphänomen.

Trotzdem hält sich bei Männern hartnäckig die Vorstellung, eine psychische Erkrankung sei ein Eingeständnis von Schwäche. Eine US-Studie aus dem Jahr 2024 zeigte: Eine stärkere Orientierung an traditionellen Männlichkeitsnormen hängt mit einer höheren Selbststigmatisierung bei der Hilfesuche zusammen.

Wer sich als „echter Mann“ definiert, dem es auch schlecht gehen darf, der das aber mit sich selbst ausmacht, hat eine größere Hürde, sich überhaupt an einen Therapeuten zu wenden.

Dazu kommt das Problem der ärztlichen Diagnostik. Klagt ein Mann beim Hausarzt nur über Schlafstörungen, Reizbarkeit und gelegentlichen Alkoholkonsum, denkt der Arzt nicht automatisch an Depression. Er denkt an Stress, an Burn-out, an mittleres Lebensalter. Die Erstdiagnose bleibt häufig aus oder fällt falsch aus – und damit steigt das Risiko einer Fehlbehandlung deutlich.

Das Milliardenproblem

Eine Depression ist nicht nur ein individuelles Drama, sondern ein volkswirtschaftliches Problem. Die OECD beziffert in ihrem aktuellen Bericht The Economic Case for Preventing Mental Ill Health die jährlichen Kosten psychischer Erkrankungen für die EU-Volkswirtschaften auf rund 76 Milliarden Euro. Etwa sechs Prozent der gesamten Gesundheitsausgaben.

Dazu kommt ein erheblicher Produktivitätsverlust. Laut Modellrechnung dürfte er zwischen 2025 und 2050 zu einer durchschnittlichen jährlichen BIP-Reduktion von 1,7 Prozent führen. Hauptursachen sind die geringere Erwerbsbeteiligung, die sinkende Produktivität und längere Ausfallzeiten.

Das bedeutet nicht nur zusätzliche Kosten für die Versicherer. Es entsteht auch enormer wirtschaftlicher Schaden durch krankheitsbedingte Ausfälle und durch Präsentismus – also durch das Erscheinen am Arbeitsplatz trotz Krankheit, mit entsprechend verminderter Produktivität. In den vergangenen zwei Jahrzehnten ist die Rate psychischer Erkrankungen in den OECD-Ländern um fast 21 Prozent gestiegen.

In Deutschland zeigt sich derselbe Trend. Laut BKK-Dachverband stieg der Anteil psychischer Erkrankungen am Krankenstand von 0,62 Prozent im Jahr 2016 auf 0,93 Prozent im Jahr 2024.

Krankschreibungen wegen psychischer Diagnosen dauern im Schnitt deutlich länger als die wegen körperlicher Leiden. Sie machen nur 5,2 Prozent aller Fälle aus, führen aber zu einer durchschnittlichen Ausfalldauer von mehr als fünf Wochen.

Deshalb ist es auch für Staat und Firmen notwendig, dass der Patient zum richtigen Zeitpunkt, am richtigen Ort und in bester Qualität versorgt wird. Die OECD weist darauf hin, dass Investitionen in Prävention und frühe Behandlung wirtschaftlich rentabel sind: Jeder Euro, der in die Versorgung psychischer Erkrankungen fließt, zahlt sich durch geringere Folgekosten und höhere Produktivität mehrfach aus.

Eine verbesserte Versorgung erkrankter Menschen ist also volkswirtschaftlich rentabel. Und für Männer, deren Erkrankung früher erkannt würde, im Idealfall lebensrettend.

Häufig gestellte Fragen

Wie erkenne ich, ob ich oder jemand in meiner Nähe depressiv ist – und nicht einfach gestresst?

Der Unterschied liegt in Dauer und Intensität. Stress ist eine Reaktion auf eine konkrete Belastung und lässt nach, wenn sich die Lage entspannt. Eine Depression ist nicht wetterabhängig.

Wenn Reizbarkeit, Schlafstörungen, sozialer Rückzug, erhöhter Alkoholkonsum oder das Gefühl von Sinnlosigkeit länger als zwei bis drei Wochen anhalten und sich nicht durch Urlaub, Sport oder einen ruhigeren Job auflösen, ist das ein Warnsignal. Bei Männern kommen oft Wut und Risikoverhalten dazu, die nicht nach klassischen Depressions-Symptomen aussehen.

Im Zweifel gilt: lieber einmal zu früh zum Hausarzt als einmal zu spät.

Was kann ich tun, wenn ich vermute, dass ein Freund oder Familienmitglied depressiv ist?

Den Verdacht nicht runterschlucken, sondern ansprechen. Nicht mit „Du musst zum Arzt“, sondern mit „Mir fällt auf, dass es Dir gerade nicht gut zu gehen scheint. Magst Du erzählen?“ Männer sprechen seltener von sich aus. Eine konkrete Beobachtung gibt einen Anker. Das Gespräch muss nicht zu einer Lösung führen – manchmal reicht es, das Schweigen zu durchbrechen. Wenn Du den Eindruck hast, dass akute Gefahr besteht, hol Hilfe, ohne lange zu zögern. Telefonseelsorge 0800 111 0 111 oder bei akuter Krise die 112.

Warum brauchen Männer im Schnitt länger als Frauen, bis sie sich Hilfe holen?

Mehrere Gründe gleichzeitig. Erstens werden Symptome bei Männern oft nicht als Depression gelesen – weder vom Mann selbst noch von Ärzten. Wer gereizt ist und trinkt, gilt als überarbeitet, nicht als krank.

Zweitens steht das traditionelle Männerbild dem Eingeständnis im Weg, Hilfe zu brauchen.

Drittens kommt die Selbststigmatisierung dazu: Auch wer sich modern definiert, hat oft ein leises „Ich krieg das doch selbst hin“ im Hinterkopf.

Die Folge ist, dass die durchschnittliche Zeit zwischen ersten Symptomen und erster Behandlung bei Männern besonders lang ist – mit messbaren Konsequenzen für den Verlauf der Krankheit.

Welche erste Anlaufstelle ist die richtige?

Im akuten Notfall die 112. Bei Suizidgedanken oder dem Gefühl, allein nicht mehr weiterzukommen, die kostenlose und anonyme Telefonseelsorge: 0800 111 0 111 oder 0800 111 0 222, rund um die Uhr erreichbar.

Wenn es nicht akut ist, sondern um eine Abklärung geht: der Hausarzt. Auch wenn die Diagnose dort nicht immer zuerst auf Depression fällt, ist es der einfachste Einstieg ins System – Überweisung zum Psychiater oder Psychotherapeuten erfolgt von dort. Wer schneller einen Termin braucht: 116 117 (Patientenservice der Kassenärztlichen Vereinigung).

Reden hilft. Wirklich.

Eine Depression ist eine gut behandelbare Erkrankung. Bei früher Diagnose und konsequenter Therapie sind die Aussichten auf eine vollständige Remission hoch. Das gilt auch für Männer.

Das eigentliche Problem ist nicht die Behandlung. Es ist der Weg dahin: sich einzugestehen, dass etwas nicht in Ordnung ist. Sich gegenüber dem Hausarzt, der Partnerin, dem Chef zu öffnen. Hilfe anzunehmen.

Es hilft, wenn Sie wissen, dass die Symptome andere sein können als die im Schulbuch. Dass Reizbarkeit ein Warnsignal sein kann, nicht nur eine Charaktereigenschaft.

Dass mehr Alkohol nicht einfach eine Phase ist.

Dass eine Depression bei Männern oft anders klingt.

Und genauso ernst ist.


Dieser Artikel enthält weder medizinische Ratschläge, noch ersetzt er eine ärztliche Konsultation. Er dient ausschließlich informativen Zwecken. Bei allen Fragen der Gesundheit oder im Krankheitsfall sollten Sie sich unbedingt an einen Arzt oder Apotheker wenden oder den Patientenservice unter der Rufnummer 116 117 kontaktieren, der Sie an den ärztlichen Bereitschaftsdienst verweisen kann. Im Notfall wählen Sie die bundesweit gültige Rufnummer 112. Lesen Sie auch die Beipackzettel Ihrer Medikamente vor Einnahme sorgfältig durch.


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