Menschen

Woher die Blumen kommen

00:30 Uhr. Es ist immer noch warm draußen, als Alexander Aron im Süden des ca. 20 km² großen Frankfurter Flughafens das Licht im Büro anschaltet. In der Ecke des Büros steht, in einem, zu einem Blumenkübel umfunktionierten, Papierkorb, ein großer Strauß langstieliger Rosen. “Das kann mal passieren”, erklärt er “Es gab Schwierigkeiten mit einigen Frachtpapieren beim ankommenden Flug aus Südamerika über Amsterdam gestern.

Bis die Probleme gelöst waren, wollte die Firma ihre Blumen nicht mehr. Da konnte sich jeder von uns einen Strauß mitnehmen. Ich hatte die hier vergessen.” Aber in viereinhalb Stunden muss die Boeing 747 Frachtmaschine, für deren Beladung und Beladungsplanung er als Loadmaster verantwortlich ist, abheben. Keine Zeit für Blumen. Es liegt viel Arbeit vor ihm. 

Seit dem Inkrafttreten des Nachtflugverbotes vor ein paar Jahren ist es um diese Zeit zwar ruhiger geworden, aber die Vorbereitungen der Flüge, die ab 05:00 Uhr morgens wieder starten und landen dürfen, läuft auf vollen Touren. Aron wechselt in die Arbeitsschuhe. Sicherheit ist ein präsentes Thema, nicht nur für die Fluggesellschaft, für die er fest angestellt arbeitet, sondern generell im Cargo- und gesamten Luftfahrtbereich. Viel zu schnell kann etwas beim Umgang mit den tonnenschweren Frachtstücken passieren.

Im Faxgerät liegt schon das Cargo Manifest der Firma, die für den Aufbau der Frachtstücke auf die Paletten verantwortlich ist. Das ist die Grundlage der Beladungsplanung. “Aber nichts geht über den persönlichen Check der Fracht”, sagt Aron, während er sich die gelbe Weste mit dem Schriftzug der Airline überzieht. “Oft entdeckt man kleine Fehler, die sich dann an Ort und Stelle lösen lassen. Draußen auf dem Vorfeld ist das schon schwieriger, denn dann muss die Palette mit der Fracht unter Umständen wieder ins Warehouse gefahren werden.” Und das kann dazu führen, dass Fracht nicht mitgenommen werden kann oder die Maschine, im schlimmsten Fall, eine Verspätung hat.

Luftfracht - Blick aus der Nase der B747
Ein Blick aus der geöffneten Nase der B747 auf die gegenüberliegende Position (Bildquelle: Heffen)

01:15 Uhr. Der persönliche Check der Paletten ist beendet. Wieder im Büro macht sich Alexander Aron an die Planung der Beladung. Die wird über eine Software gemacht. Allerdings muss jeder Loadmaster imstande sein, eine Beladungsplanung (“Weight & Balance“) ohne Computerunterstützung zu berechnen. Das ist etwa dann der Fall, wenn die Maschine einen Charterflug zu einer Destination macht, die weit abgelegen ist. “Afrika ist da ein gutes Beispiel”, sagt er, während er sich die Dokumentation zur Fracht anschaut.

Oder bei den regelmäßig durchgeführten schriftlichen Übungen, die das Wissen der Loadmaster der operativen Abteilung abfragen. Dieser Beruf ist zwar “nur” ein Anlernberuf, aber er erfordert viel mathematisches Verständnis, räumliches Vorstellungsvermögen, Stressresistenz und ein hohes Maß an Sorgfalt und Flexibilität. Was die Qualität der Aus- und Weiterbildung betrifft, macht die Airline keine halben Sachen. Jeder, der im operativen Bereich arbeitet, muss diese Wissenstests ablegen. Und bestehen. Ein Beispiel, bei dem die Ladung nur unzureichend gesichert wurde und zum Absturz der Maschine führte, lässt sich hier finden.

Aber jetzt und hier ist er an einem Schreibtisch im großen, hell erleuchteten Büro mit dem aktuellen Flug beschäftigt. Die Uhr tickt und zwei Stunden vor Abflug muss er mit den Papieren an der Maschine sein, damit die Beladung beginnen kann.

Das manuelle “Weight & Balance Sheet” einer Boeing 737 (Bildquelle)

02:40 Uhr. Nach einigen Telefonaten mit der zuständigen Ladegruppe des Flughafens, dem Operation Control Center (OCC) in der Hauptzentrale der Airline in Moskau und dem Crew Hotel, hat Aron jetzt auch alle nötigen Papiere und Informationen zusammen. Neben dem aus Moskau geschickten Flugplan enthält das Paket an Dokumenten unter anderem die sogenannte NOTOC (“Notification to Captain”), in der alle Gefahrgüter auf diesem Flug für den Piloten genau aufgeführt sind, Wind- und Wetterkarten sowie einige, für die Crew bestimmte Dokumente mehr. Im Wagen der Airline geht es nun zu einer der Sicherheitskontrollen, die den Zugang zum Vorfeld im südlichen Teil des Flughafens (der CargoCity Süd) kontrollieren. Ein Weg, den Aron schon unzählige Male zurückgelegt hat.

02:55 Uhr. Die riesige Boeing 747 steht still auf der Außenposition, als der Loadmaster ankommt. Die Ladecrew ist schon da und wartet in ihrem Transporter. Techniker der Schwesterfirma sind noch mit dem Auswechseln eines Reifens beschäftigt. Eine Routinearbeit, die den Flug nicht verspäten wird.

Nach einem kurzen Briefing mit dem zuständigen Lademeister der Fraport AG und den Technikern, dem Hinterlegen der Flugdokumente im Cockpit und einem allgemeinen Check des Maindecks, schaut sich Alexander Aron die Fracht zum zweiten Mal an. “Auf dem Weg zur Position kann es immer mal wieder zu kleinen Unfällen kommen, die der Frachtfahrer vielleicht nicht bemerkt. Ich überprüfe hier nochmal den Zustand der Fracht und gleiche die Daten, also Gewicht, Größe, Destination, etc. jeder Frachtpalette mit meiner Planung ab. So habe ich die Sicherheit, dass alles, inklusive der Daten auf dem Flugplan, stimmt.”


Bilder und Video des Inbound-Fluges: Ein Hubschrauber kommt nach Frankfurt


03:45 Uhr. Die Crew, zwei russische Piloten, kommen mit dem Bus auf Position an. Der Loadmaster, der beim Beladen der Maschine jede einzelne Palette im Auge hat, geht auf sie zu. Man begrüßt sich freundschaftlich per Handschlag, macht einen Witz, man kennt sich. Kapitän und Copilot werden jetzt mit ihren eigenen Checks beginnen, damit auch von ihrer Seite ein pünktlicher Abflug garantiert werden kann. Mittlerweile ist auch die Technik mit dem Radwechsel fertig und kümmert sich um den damit verbundenen Papierkram.

Luftfracht - B747 Maindeck
Das Maindeck eines B747 Frachtflugzeugs (Bildquelle)

Die Beladung funktioniert bis jetzt reibungslos. Auf anderen Positionen sieht man Stützen unter dem Rumpf mancher Flugzeuge. Warum nicht hier? “Ganz einfach”, antwortet Aron auf meine Frage “Die B747 ist zwar hecklastig, aber auf geraden Flächen wie hier in Frankfurt reicht das Einhalten einer bestimmten Ladesequenz völlig aus.” Dabei wird zuerst der untere, vordere Frachtraum beladen (“Forward Lower Deck”), dann der Hauptfrachtraum (“Main Deck”) und am Schluss der untere, hintere Frachtraum (“Aft Lower Deck”). Diese Sequenz gibt dem Flugzeug zu jeder Zeit genügend Stabilität.

04:20 Uhr. Es sind jetzt nur noch wenige Paletten auf der Position übrig. Die Lademannschaft arbeitet routiniert und der Loadmaster der Airline kann sich ohne Probleme auf seine Arbeit konzentrieren. Trotzdem ist er immer über die Dinge im Bilde, die parallel dazu passieren. Ist das Betankungsfahrzeug da? Ist das Catering gekommen und hat das Essen der Crew gebracht? Sind die Crew-Kabinen sauber? Gibt es Neuigkeiten vom Flughafen über den Flugverkehr? In diesem Beruf muss man ein Oktopus sein und seine Arme überall haben. Das trifft auch auf die Ohren und die Augen zu.

Was transportiert eigentlich Luftfracht?

Sushi und Schnittblumen – daran denken viele bei der Frage, was per Luftfracht transportiert wird.
Was tatsächlich in Frachtflugzeugen und im Frachtraum von Passagierflugzeugen befördert wird, zeigt eine aktuelle Auswertung der Außenhandelszahlen des Statistischen Bundesamts: vor allem hochwertige Produkte aus den Schlüsselbranchen des Industriestandorts Deutschland und dabei besonders zeit- und temperatursensible Waren. Der Warentransport mit dem Flugzeug ist wichtig für den Industriestandort Deutschland: Bezogen auf den Warenwert werden fast 30 Prozent aller deutschen Exporte nach Übersee mit dem Flugzeug befördert.
Nach Angaben des Statistischen Bundesamts transportierten Fracht- und Passagierflugzeuge im Jahr 2016 Außenhandelswaren im Wert von insgesamt 236 Milliarden Euro. Auf den Export deutscher Produkte entfielen davon 142 Milliarden Euro, auf den Import ausländischer Produkte nach Deutschland 94 Milliarden Euro… [Weiterlesen]

Quelle: pressebox.de

Direkt nach dem Ende des Nachtflugverbotes zu starten, kann unter Umständen schwer werden. Nämlich dann, wenn sich die Beladung verzögert und das Flugzeug seinen Slot verpasst. Dann beginnt die Warterei, auf den Flugzeugschlepper, die Freigabe durch den Flughafen, das Einhalten der Crew Zeiten. Denn wenn am Ende auch alles zurechtgebogen werden kann, fällt die Crew aus ihrer Zeit, dann war alles umsonst. Aber nicht hier und nicht heute.

Luftfracht - Oversized Cargo
Auch wenn es nach Chaos aussieht: Alles ist sicher geladen und nach Bilderbuch verzurrt (Bildquelle: Heffen)

04:45 Uhr. Die Ladetür schließt sich und Alexander Aron geht noch einmal den “Catwalk” entlang, diesen sehr schmalen Bereich zwischen Frachtstücken und Bordwand. Eine letzte Überprüfung der “Locks”, die die Paletten während des Fluges halten, Verabschiedung von der Lademannschaft und noch einmal kurz auf das “Upper Deck” zur Crew. Wenn es jetzt seitens der Piloten keine Einwände gibt und sie mit dem gemeldeten Status des Loadmaster zufrieden sind, steht einem pünktlichen Start nichts mehr in Weg.

04:48 Uhr. Der Flugzeugschlepper, “Pushback” genannt, hat die Maschine an die Schleppstange, die sogenannte “Tow Bar” gehängt. Alles Ladegerät wurde vom Flugzeug abgehängt und jeder, Loadmaster, Ladecrew und Techniker, wartet im jeweiligen Fahrzeug auf die Freigabe seitens des Flughafens. Mittlerweile ist die Sonne auch aufgegangen und verspricht einen weiteren sehr warmen Tag, dessen Hitze man auf dem Vorfeld besonders merkt. Alexander Aron lacht “Es gibt hier draußen sowieso nur zwei Tage im Jahr, an denen die Temperatur und das Wetter stimmen: Einen irgendwann im Frühling und einen irgendwann im Herbst. Alle anderen Tage sind entweder zu heiß, zu nass oder zu kalt!”

Luftfracht - Auf dem Vorfeld
Das nächste Frachtstück wartet schon (Bildquelle: Heffen)

Als die Positionslichter der Maschine und des Pushbacks gleichzeitig zu blinken beginnen, spürt man seine Erleichterung. Das ist das Signal für ihn dafür, dass seine Arbeit auf dem Vorfeld getan ist. Sanft schiebt der Schlepper die viele Tonnen schwere Boeing 747 auf den Taxiway. Der Pilot lässt zwei der vier Triebwerke an und ein Schlag, gefolgt von einem tiefen Brummen, schallt über den Asphalt bis zu den Fahrzeugen. Der Pushback hängt die Tow Bar ab und fährt zurück auf Position, um von dort für den Fall eines Problems schnell wieder bei dem Flugzeug sein zu können.

Als die B747 alleine in Richtung Startbahn losrollt, macht sich auch Alexander Aron wieder auf den Weg zurück ins Büro. Auf ihn wartet jetzt die Nachbereitung: Nachrichten und E-Mails müssen verschickt und die Akte dieses Fluges zur Archivierung vorbereitet werden. Er ist sichtlich stolz auf die geleistete Arbeit, als er auf der Rückfahrt mit dem Lied im Radio mitsummt.

Heute wird er seine Freundin mit einem großen Strauß Rosen überraschen.

Headerphoto: Airfreight Logistics


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