Männerleben

Warum Sie Ertrinken nicht erkennen können!

*Quelle: Statista.com

Übersetzung aus dem Englischen: Thilo Heffen

Als der neue Kapitän voll bekleidet von Deck sprang uns sich, so schnell er konnte, einen Weg durchs Wasser bahnte, waren die anderen Badegäste, die im Wasser schwammen, zunächst irritiert. “Ich glaube, er denkt Du ertrinkst”, sagte der Mann zu seiner Frau, denn Beide hatten sich kurze Zeit vorher mit Wasser bespritzt und geschrien. “Uns geht es doch gut, was macht er denn da?!”, fragte die Frau leicht genervt ihren Mann. “Es geht uns gut!”, rief der Mann dem Kapitän zu. Aber der Kapitän ließ sich nicht aufhalten. Er schwamm unbeirrt an dem Pärchen vorbei und schrie nur kurz “Weg da!”. Denn direkt hinter ihnen, nur wenige Meter entfernt, war ihre neunjährige Tochter gerade dabei zu ertrinken. In den Armen ihres Retters fing sie an zu weinen und schluchzte: “Papa!”.

Woher wusste der Kapitän aus knapp 16 Metern Entfernung, dass die Tochter gerade dabei war zu ertrinken, während der Vater das aus weniger als drei Metern nicht erkennen konnten?

Die Antwort ist, dass der Kapitän von Experten geschult wurde und langjähriger Erfahrung im Ertrinken erkennen besaß. Der Vater hingegen wusste nur durch Film und Fernsehen, wie Ertrinken aussieht.

Ertrinken erkennen - Kopf über Wasser
Photo by Li Yang on Unsplash

Wenn Sie auch nur einen kleinen Teil Ihrer Zeit am Wasser verbringen (Hinweis: JEDER von uns!), dann sollten Sie sicherstellen, dass Sie Ertrinken erkennen können. Denn bis die neunjährige Tochter mit letzter Kraft “Papa” sagte, hatte sie nicht einen Ton von sich gegeben. Das Ertrinken ist fast immer ein ruhiger und wortloser Vorgang. Das Winken, Spritzen und Schreien, auf das uns Filme und TV konditioniert haben, gibt es im echten Leben so gut wie gar nicht.

Das, was Menschen tun, um tatsächliches oder vermeintliches Ertrinken zu verhindern, hat Dr. Francesco A. Pia die instinktive Reaktion auf das Ertrinken (The Instinctive Drowning Response) genannt. Es gibt kein Geschrei, kein spritzendes Wasser und kein Winken. Machen Sie sich folgendes bewusst: Der Tod durch Ertrinken ist der zweithäufigste Unfalltod (nach Verkehrsunfällen) bei Kindern bis zum Alter von 15 Jahren. Und auch im nächsten Jahr werden wieder viele Kinder ertrinken. Etwa die Hälfte wird in einer Entfernung von nicht mehr als 20 Metern von einem Elternteil ertrinken. Und in 10% dieser Fälle wird ein Erwachsener sogar zusehen und keine Ahnung haben, was da gerade geschieht.

Ertrinken sieht nicht aus wie Ertrinken!

Ertrinken erkennen: Achten Sie auf folgende Anzeichen beim Baden

Dr. Pia erläutert die instinktive Reaktion auf das Ertrinken in einem Artikel im Coast Guard´s On Scene Magazine:

  1. Ausser in ganz wenigen Fällen sind ertrinkende Menschen physiologisch gar nicht dazu fähig, um Hilfe zu rufen. Da das Atmungssystem auf das Atmen ausgelegt ist und Sprache eine Zweitfunktion darstellt, muss zunächst die Atmung sichergestellt werden, bevor die Sprachfunktion stattfinden kann.
  2. Da sich der Mund beim Ertrinken unter der Wasseroberfläche befindet und nur kurzzeitig wieder aus dem Wasser auftaucht, ist die Zeit für das Ausatmen, Einatmen und für einen Hilferuf zu kurz. Sobald sich der Mund einer ertrinkenden Person über der Wasseroberfläche befindet, wird schnell ausgeatmet und wieder eingeatmet, bevor der Kopf wieder unter Wasser abtaucht.
  3. Ertrinkende können nicht durch Winken auf sich aufmerksam machen. Die Arme werden instinktiv seitlich ausgestreckt und von oben auf die Wasseroberfläche gedrückt. Diese Schutzfunktion soll den Körper über der Wasseroberfläche halten, um weiter atmen zu können.
  4. Eine bewusste Steuerung der Arme ist bei einer instinktiven Reaktion auf das Ertrinken nicht möglich. Physiologisch gesehen können Ertrinkende, die an der Wasseroberfläche ums überleben kämpfen, nicht aufhören zu ertrinken. Sie sind unfähig, gezielte Bewegungen auszuführen, wie z.B. nach Hilfe winken, sich auf einen Retter zubewegen oder nach einem Rettungsgerät zu greifen.
  5. Während der Dauer des Ertrinkens befindet sich der Körper aufrecht im Wasser. Wenn sie nicht vorher gerettet werden, können sich Ertrinkende in der Regel nur 20 bis 60 Sekunden an der Wasseroberfläche halten, bevor sie untergehen. Nicht viel Zeit für einen Rettungsschwimmer.
Ertrinken erkennen - Boje
Photo by Bert Blommestein from Pixabay

Selbstverständlich befindet sich eine Person, die schreiend und winkend um Hilfe ruft, in einer ernsthaften Situation. Aber anders als beim tatsächlichen Ertrinken können sich die betroffenen Personen an Ihrer eigenen Rettung beteiligen und z.B. nach Rettungsleinen oder -ringen greifen. Dieser Zustand wird als Wassernotsituation bezeichnet. Eine Wassernotsituation muss nicht zwangsläufig vor einer instinktiven Reaktion auf das Ertrinken auftreten.

Sie sollten unbedingt auf folgende Anzeichen des Ertrinkens achten:

  • Der Kopf ist nach hinten geneigt und unter Wasser. Der Mund befindet sich auf einer Höhe mit der Wasseroberfläche
  • Die Augen sind glasig und leer
  • Die Augen sind geschlossen
  • Die Haaren hängen vor Stirn und/oder den Augen
  • Der Körper befindet sich vertikal im Wasser – die Beine werden nicht bewegt
  • Der Ertrinkende beschleunigt die Atmung und kämpft nach Luft
  • Die Betroffene Person unternimmt den Versuch zu schwimmen, kommt aber nicht voran
  • Es wird versucht sich auf den Rücken zu drehen.

Sollte also ein Rettungsschwimmer plötzlich ins Wasser laufen und es sieht für Sie so aus, als wäre alles in Ordnung, dann täuschen Sie sich nicht. Der einfachste Hinweis auf Ertrinken wirkt nicht immer so, als würde es tatsächlich gerade stattfinden

Ertrinken erkennen - Menschen am Strand
Photo by Waltteri Paulaharju from Pixabay

Wenn Sie also sichergehen wollen, dann fragen Sie die betreffende Person: “Geht es dir gut? Brauchst du Hilfe?”. Erhalten Sie eine Antwort, dann scheint es der Person wirklich gut zu gehen. Wenn nicht, dann bleiben Ihnen nur wenige Sekunden, um sie zu retten.

Und noch ein Hinweis für alle Eltern: Kinder, die im Wasser spielen, sind laut und machen Lärm. Sollte es still werden, dann sollten Sie nachschauen, weshalb.

Links zum Thema

Was denken Sie? Könnten Sie erkennen ob jemand gerade ertrinkt? Und ihn vielleicht sogar retten? Lassen Sie es uns in den Kommentaren unten wissen!

Mehr von und über Mario Vittone finden Sie hier:

Der Originalbeitrag ist unter dem Titel “Drowning Doesn’t Look Like Drowning“ zuerst auf gCaptain erschienen.

Headerphoto by Ian Espinosa on Unsplash

Der Autor: Mario Vittone

Mario Vittone ist ein ehemaliger Hubschrauber-Rettungsschwimmer der US-Küstenwache, der 22 Jahre lang Menschen in Not in den turbulenten Gewässern des Atlantiks und des Golfs von Mexiko rettete. Als Experte für Immersion Unterkühlung, Ertrinken, Überleben und Sicherheit auf See schreibt und hält er heute Vorträge über Sicherheit beim Bootfahren und Such- und Rettungsthemen für populäre Printmedien.


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