Obwohl wir im 21. Jahrhundert leben, lässt sich nicht jeder Aberglaube und jede faktisch falsche Meinung widerlegen. Im Gegenteil, versucht man sich als Stimme der Vernunft in hitzigen Diskussionen, verliert man meistens. Das liegt zum großen Teil daran dass Ammenmärchen einfach interessanter und reizvoller sind als die nackten, wissenschaftlich unterfütterten Tatsachen. Heute schauen wir uns ein Hauptargument für die Wirksamkeit der Homöopathie an, das von deren Anhängern immer wieder in Diskussionen geworfen wird: Das Wassergedächtnis – die Fähigkeit des Wassers also, sich an einmal in ihm gelöste Stoffe zu erinnern.

Dieser Beitrag von Mark Lorch, Professor für Wissenschaftskommunikation und Chemie an der Universität Hull, England, erschien zuerst im Oktober 2013 auf theconversation.com. Er wurde von uns ins Deutsche übersetzt und erscheint unter CC BY-ND 4.0 hier auf Eximum mit freundlicher Genehmigung von Mark.

Homöopathen glauben dass Wasser ein Gedächtnis hat. So erklären Sie die medizinischen Eigenschaften ihrer Mixturen. Tatsächlich werden Menschen damit behandelt, obwohl die Kügelchen oder der Saft möglicherweise kein einziges Molekül des ursprünglichen medizinischen Wirkstoffes mehr enthalten. Hat Wasser also dann tatsächlich ein Gedächtnis?

Das hängt davon ab wie Sie Gedächtnis definieren. Wenn wir es für Wasser als Eigenschaft annehmen, einen stabilen Zustand über einige Zeit hinweg zu halten, dann hat es ein Gedächtnis. Nur kein sehr gutes – Seine Retentionszeit liegt bei 50 Femtosekunden. Das ist etwa 60 Millionen Millionen mal kürzer als die berühmten 3 Sekunden des Goldfisches.

Wassergedächtnis - Mehrere Goldfische

Aber mit diesem “Gedächtnis” kann Wasser keine nützlichen Informationen speichern. Eben weil es nur aus der Fähigkeit besteht, eine geordnete Gruppe von Wassermolekülen für 50 Femtosekunden zu halten. Es ist ein bisschen so wie eine Menschenmenge in einem Bahnhof – Es herrscht temporär dort eine gewisse Ordnung, wo die Leute vor den Monitoren mit den Abfahrtszeiten oder in einer Schlange stehen, um sich einen Kaffee zu kaufen. Aber diese Gruppen lösen sich nach kurzer Zeit wieder auf. Und so ist es mit Wasser – es gibt Stellen der Ordnung dort, wo die Wassermoleküle untereinander oder mit den im Wasser gelösten Stoffen interagieren, die aber ziemlich schnell wieder verschwinden.

Versuchen wir es mit einer anderen Frage. Was wäre, wenn Wasser das Gedächtnis eines Elefanten hätte und niemals irgend etwas vergessen würde?

In diesem Fall würden die oben erwähnten Stellen der Ordnung für immer bestehen. Aber das Wasser wäre nicht mehr flüssig. Stattdessen wäre es völlig anders. Tatsächlich würden Sie es wahrscheinlich EIS nennen.

Wassergedächtnis - Wassertropfen

Wie wäre es mit etwas Bizarrem? Was wäre, wenn Wasser sich an die Moleküle erinnern könnte, die darin gelöst waren, und zwar lange nachdem diese Moleküle durch verdünnen weggespült worden sind? Und wenn es sich dementsprechend verhalten würde?

Das klingt vielleicht ziemlich seltsam, aber ein Artikel, der in der Zeitschrift Nature (in keiner geringeren) veröffentlicht wurde, hat genau das vor mehr als 25 Jahren behauptet. Es ist nicht überraschend dass er kontrovers aufgenommen wurde. Nicht lange nach Veröffentlichung fiel dieser Artikel allerdings in Misskredit, konnte er nicht stichhaltig beweisen dass sich Wasser tatsächlich an irgend etwas erinnern kann (Für irgendeine signifikante Zeitspanne).

Aber lassen Sie uns die Beweise für einen Moment ignorieren: Was wäre wenn Wasser eine positive Erinnerung an längst vergangene, in ihm gelöste Stoffe behalten könnte? In diesem Fall stoßen wir auf Schwierigkeiten, denn, wie meine Lehrerin zu sagen pflegte, ist “Chemie das Studium alles Löslichen”. Sie meinte damit dass Chemie zum größten Teil das Auflösen von Stoffen in Flüssigkeiten bedeutet, um diese Verbindungen dann miteinander reagieren zu lassen und neue, interessante Verbindungen zu schaffen. Wasser ist so beliebt, weil sich in ihm mehr Dinge lösen lassen als in anderen Flüssigkeiten.

Wenn Wasser sich jedoch daran erinnern kann was einst in ihm gelöst wurde, dann würde es sich selbst in seiner reinsten Form so verhalten als sei es voller Unreinheiten, mit unvorhersehbaren Folgen. Keine chemische Reaktion im Wasser, vom DNA-Fingerprint bis zur Synthese eines neuen Medikaments, würde jemals konsistent funktionieren.

Wassergedächtnis - Zitronenscheiben im Wasser

Aber ein Wassergedächtnis wäre nicht nur schlecht für Chemiker, sondern würde auch das Verhalten normalen Leitungswassers beeinträchtigen. An einem Tag könnte Ihr Glas Wasser die Erinnerung an Zitronen und deshalb einen leichten Geschmack nach Zitrusfrüchten haben. Am nächsten Tag könnte es sich an Capsaicin erinnern und so Ihrem Getränk einen würzigen Kick verleihen.

Aber kein Grund zur Sorge, soweit würde es gar nicht kommen. Schließlich bestehen wir zu 70% aus Wasser, das Leben entwickelte sich im Wasser und fast alle Reaktionen in allen Lebewesen geschehen im Wasser. Hätte die Ursuppe von nicht vorhandenen Chemikalien beeinflusst werden können, wäre keine stabile Umgebung für die Entwicklung des Lebens zustande gekommen. Kein Leben, keine Evolution und keine Menschen, die sich Homöopathie hätten ausdenken können.
The Conversation