DAS GEHEIMNIS DER ZWILLINGSSCHWESTERN

Doppeltes Kopfschütteln vor dem Erbsenregal

Bereits Ende des 19. Jahrhunderts unterrichtete uns die kluge französische Schriftstellerin George Sand (die 1804 unter dem weitaus weniger sperrigen Namen Amantine Aurore Lucile Dupin de Francueil geboren wurde) im Rahmen ihres Romans „Die kleine Fadette“ über das beinahe unausweichlich miteinander verwobene Schicksal von Zwillingspaaren.

Geht es mit dem oder der einen in irgendeiner Form bergab, dauert es meist nicht  lange, bis der oben gebliebene Teil, wie einer stummen Abmachung folgend, blindlings solidarisch hinterhermarschiert. So steht’s geschrieben und so ist es leider auch schon allzu oft gekommen. Doch selbst in der heutigen Zeit tauchen vereinzelt erwachsene Zwillingspärchen auf, die zugunsten einer uniformen Einfältigkeit freiwillig auf jegliche individuelle Dummheit verzichten.

Ein diesbezüglich ganz besonders verheerendes Beispiel bietet die Stadt, in der ich wohne, beheimatet sie doch, neben allerlei anderen skurrilen Menschen (bspw. mir), auch eines jener ominösen Zwillingspaare, das sich sogar in ausgewachsenem Zustand tagtäglich vollkommen identisch kleidet und stets und unter absolut allen erdenklichen Umständen seine alltäglichen Geschäftigkeiten gemeinsam absolviert.

Es handelt sich dabei um zwei etwa 25-jährige Schwestern (als Verwandtschaftsgrad bei Zwillingen nicht unüblich), die unsere Stadt seit einiger Zeit sozusagen doppelt heimsuchen und ob ihrer wirklich verblüffenden Ähnlichkeit – hauptsächlich von älteren Damen und jüngeren Herren – immer wieder anerkennende Zustimmung und allerlei respektzollendes Kopfnicken einheimsen.

Und jene Guck-wie-putzig-Kommentare beziehen sich eben nicht nur auf die beiderseitig angeborene physiognomische Doppelgesichtigkeit der beiden, sondern hauptsächlich auf das Gesamt-Event, das die Schwestern aufgrund der vermeintlich sensationellen Sache nimmermüde zelebrieren. Denn mit der gleichen Kleidung und deckungsgleichen Frisurvariationen ist es bei ihnen noch lange nicht getan, nein, auch die kecken Handtäschchen und manchmal sogar Einkaufstüten werden als nicht mehr wegzudenkender Bestandteil in ihre Performance integriert. Man konnte … nein, musste, so passt’s besser … mittlerweile sogar zum wiederholten Male beobachten, wie die beiden ebenso zeitgleich wie unaufgefordert ihre, selbstredend gleichfarbigen, Haargummis aus ihren Pferdeschwänzen lösten und dergestalt die Frisuren parallel zu schon wieder neuer Gleichheit schwappen ließen.

Was aber wollen uns die beiden Schwestern mit derlei Auftritten mitteilen? Ich muss gestehen, ich weiß es nicht. Erstmals. Wenn es mich auch wirklich interessieren würde, welcher Teufel die beiden zu solch seltsamen Synchronkapriolen treibt.

Doch vor einer Woche bin ich bei meiner Suche nach wenigstens kleinen Unterschieden zwischen den beiden Schwestern immerhin einen beträchtlichen Schritt weitergekommen. Da erschienen sie mir beim Einkaufen im Supermarkt und zum ersten Mal war mir vergönnt, sie miteinander reden zu hören.

Nicht, dass ich vorher gedacht hätte, sie würden sich – gleich Tick, Trick und Track – sogar einzelne Sätze untereinander aufteilen, aber ich war schon sehr neugierig, wie sie sich denn verständigen würden bzw. ob sie es überhaupt nötig hatten, sich einander mitzuteilen.

Die beiden standen wie gebannt vor dem Erbsenregal und lauschten den Ausführungen einer älteren Bekannten über die seinerzeitige Fernsehübertragung der ersten Mondlandung.

Die Einzeldame berichtete, wie sie damals trotz der nächtlichen Sendung hellwach zuschaute, woraufhin der erste Zwilling fragte, warum man so etwas Bedeutendes denn unbedingt nachts übertragen müsse. Die Antwort ihrer Schwester hätte als veritabler Scherz in so manchem Fernsehformat für solide Lacher gesorgt, war aber, wie ihr maroder Gesichtsausdruck verdeutlichte, leider durchaus ernst gemeint: „Klar war das nachts, war doch auf’m Mond.“

Und so war mir an diesem Tag vergönnt, den einzig relevanten Unterschied zwischen den beiden geheimnisvollen Zwillingsdamen zu erfahren: Eine ist tatsächlich blöder als die andere.

Headerbild: tryam – Shutterstock

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