Gogol Bordello – Punkgranaten aus den Karpaten

Ukrainisches Zigeuner-Punk-Cabaret vom Feinsten

Gogol Bordello bleiben nie lange am selben Ort. Sänger und Chef der Band Eugene Hütz bekam deshalb die Inspiration zu den Songs des letzten Albums Seekers and Finders, als er zwischen drei Kontinenten hin und her pendelte. Von Anfang an war Gogol Bordello eine Band von Einwanderern, deren Mitglieder aus der Ukraine, Ecuador, Russland und Äthiopien stammen. Sie sind ständig auf Tournee, denn das Reisen liegt ihnen im Blut. Ein Beitrag von Susan Idsiek

Die Musik ist inspiriert von The Clash und Jimi Hendrix, erinnert ein bisschen an die Négresses Vertes der 90er, auch ein wenig an die Pogues zu ihren besten Zeiten – und ist doch so ganz anders als alle zusammen. Die Punkband lässt sich schwerlich kategorisieren oder vergleichen in ihrer Einzigartigkeit

Der Musikstil ist laut, stimmungsvoll und selten langsam, aber wenn doch, dann schwingt darin eine leichte Melancholie mit. Man singt von Freiheit, Liebe, Immigration und Heimat, oder ganz banal vom Alkohol. Der Gesang mag etwas schräg sein, zuweilen ist es fast nur Gebrüll, aber das tut der wirren Genialität der Musikstücke keinen Abbruch.

Dazu kommt ein grandioses Zusammenspiel aus Akkordeon und Schlagzeug, Akustik- und E-Gitarre, Bass und Geige. Gypsy Punk oder Folk Punk nennt sich das Ganze, gemischt mit Einflüssen des jamaikanischen Dub der 60er und 70er Jahre.

Zwischen Tschernobyl und Perestroika

Die Entstehungsgeschichte der Gruppe beginnt ganz bescheiden mit Frontmann Eugene Hütz, der 1972 in der Region Oblast Kiew im Norden der Karpatenukraine das Licht der Welt erblickt.

Er ahnt nicht, dass er einmal ein sehr erfolgreicher Musiker und Begründer eines fast ganz neuen Musiktrends werden wird. Eigentlich heißt Eugene ‘Jewgenij Gudz’. Hütz ist der Mädchenname seiner Mutter, die Ukrainerin ist, aber in sich das feurige Blut der Roma-Zigeuner trägt. Seit 700 Jahren stellen die Roma eine in Europa heimische, oft diskriminierte ethnische Minderheit dar, jedoch mit einem großen kulturellen und geschichtlichen Hintergrund. Eugenes Vater ist russischer Abstammung und verdient sein Geld als Radiotechniker und Metzger.

Der Sänger erinnert sich an seine Heimat mit gemischten Gefühlen – eine landschaftlich durchaus schöne Gegend, aber durchzogen von verlassenen Baustellenruinen und Elend. Dennoch – oder vielleicht gerade deshalb – verstehen die Einwohner es zu feiern. In den kleinen Dörfern wird getanzt und musiziert – auf eine so ganz eigene, mitreißende Art. Hier wird Eugene im Laufe der Zeit bewusst, dass auch bei ihm Zigeunerblut durch die Adern fließt.

Dieses kleinbürgerliche, musikalische Zusammengehörigkeitsgefühl soll ihn sein ganzes Leben lang prägen und das Fundament legen für die spätere Gründung seiner Band. Doch zunächst einmal zieht die Familie weg aus der Heimatstadt, fort aus dem toxischen Dunstkreis des Reaktorunglücks von 1986, bleibt aber ansässig in der Ukraine. Erst als der “Eiserne Vorhang” fällt und Tür und Tor jedem offen stehen, macht sich Eugene auf eine Reise durch Europa: Polen, Ungarn, Italien und Österreich sind auf dem Programm.

1990 zieht es ihn noch weiter, bis in die Vereinigten Staaten, genauer gesagt in den Bundestaat Vermont an der Ostküste. Seine ersten Erfahrungen als Immigrant in der neuen Welt sollen später auch sein Liedgut prägen. Er schlägt sich durch mit den unterschiedlichsten Arbeiten: Lieferanten-Jobs, Autowäsche, Reinigung von Sanitäranlagen.

Bald stellt er fest, dass es im Land der unbegrenzten Möglichkeiten fast alles gibt außer einer anständigen Underground Band, die seine bevorzugte Musikrichtung Punk mit der traditionellen Zigeunermusik seiner Heimat vereint. Dass er sich musikalisch überhaupt auskennt, hat er der Tatsache zu verdanken, dass seine Familie einst ein Transistorradio besaß, mit welchem er den Radiosender BBC World empfangen konnte und somit Bands wie Suicide und Sonic Youth kennenlernte – und dies in einer Zeit, in der in seiner Welt alles amerikanische rigoros ferngehalten wurde.

Bescheidene Anfänge in “The Land Of The Free”

Im von Vermont nicht allzuweit entfernten New York gründet Eugene eine Band mit Gleichgesinnten, die ebenfalls das Bedürfnis empfinden, dem gegenwärtigen New Yorker Underground Musiktrend einen neuen Anstrich zu verpassen.

Die Gruppe nennt sich die “Béla Bartóks”, benannt nach dem bekannten ungarischen Komponisten. Die Punkband tritt mit ihrer eigenwilligen Zigeunermusik zunächst auf Hochzeiten sowie in der Bar “Pizdets” auf, wo sie so erfolgreich ist, dass sie regelmäßig eingeladen wird. Hütz agiert dort nebenbei auch als Disc-Jockey.

Da der Name Bela Bartók in Amerika kaum jemandem geläufig ist, einigt man sich darauf, den Bandnamen zu ändern. Fortan nennen sich die “Bartóks” Gogol Bordello – ein Wortspiel bestehend aus dem italienischen Begriff für “Freudenhaus” und dem Nachnamen des ukrainischen Schriftstellers Nikolai Gogol aus dem 19. Jahrhundert, welcher ein sehr enthaltsames Leben, geprägt von Religiosität und Jungfräulichkeit, geführt hatte.


Gogol Bordello im Internet:


Ein kontrastreicher Name, der nicht besser passen könnte zu der exzentrischen Art der Gruppe. Hinzu kommt Eugenes polarisierende Bühnenpräsenz, die allenfalls als wild bezeichnet werden kann: Markante Gesichtszüge, schulterlanges dunkles Haar, Stirnband, Ohrring, Goldkettchen und passend dazu ein Goldzahn – so hüpft Eugene flohartig herum und provoziert und schockiert in seiner lebhaften Bühnenaktivität.

Dies meist ohne Oberbekleidung, was ihm schon Vergleiche mit Iggy Pop einbrachte. Um ihn herum schart sich seine Band – eine Ansammlung aus höchst talentierten Musikern aus aller Welt: Russland, Ecuador, Äthiopien, Belarus, Israel, USA. Sogar eine chinesische Tänzerin ist inzwischen dabei.

Was mit Geige und Gitarre begann, wurde immer weiter ausgebaut zu einem umfangreichen Musikarsenal aus Akkordeon, Percussion und Schlagzeug.

Foto: ©Dan Efram

Auf Tuchfühlung mit Hollywood

Das musikalische Kauderwelsch aus gebrochenem Englisch, Ukrainisch und manchmal Spanisch kommt an bei der zahlreichen Zuhörerschaft – sowohl bei den Amerikanern, die das Ganze einfach nur außergewöhnlich und interessant finden, als auch bei den ausgewanderten Osteuropäern, die bei den Klängen in gefühlsduselige Heimatgefühle verfallen.

Eine Plattenfirma wird schließlich auf die skurrile Punkband aufmerksam, was abzusehen war. 1999 veröffentlicht die Gruppe ihr erstes Album “Voi-La Intruder“, gefolgt von dem Album “Multi Kontra Culti vs. Irony“, welches Ihr den Durchbruch verschafft. Fortan werden fast jährlich weitere Alben produziert, davon schaffen es einige auch in die Hitparaden der USA und des Vereinigten Königreichs. 2017 veröffentlicht die Gruppe ihr bis dato aktuellstes Album “Seekers and Finders“.

Und immer wieder gehen mit den Veröffentlichungen auch ausgedehnte Tourneen einher. Es gibt kaum eine Veranstaltung auf der Welt, auf der die Band nicht regelmäßig vertreten ist. Auch in Deutschland tritt sie auf, beispielsweise bei den Festivals Rock am Ring und Hurricane sowie dem Chiemseer Sommer.

Doch auch weit über die europäischen und nordamerikanischen Grenzen hinaus ist die Band bekannt, bis nach Chile und Rio de Janeiro verschlägt es sie auf ihrem Eroberungszug durch die Welt. Filmtechnisch macht die Gruppe ebenfalls eine gute Figur.

So spielt Eugene Hütz 2005 eine größere Nebenrolle an der Seite des populären Schauspielers Elijah Wood in dem Film “Alles ist erleuchtet” – ein gleichermaßen lustiger aber auch nachdenklich machender Streifen, der von einem jungen Amerikaner handelt, der sich in der Ukraine auf die Suche nach jener Frau macht, die seinen Großvater einst vor der Judenverfolgung rettete, aber selbst den Tod fand.

Auch die Band tritt in dem Film auf und steuert einige Songs für den Soundtrack bei. 2007 folgt dann der eher weniger erfolgreiche Film “Filth and Wisdom“, eine musikalische, komödiantische Romanze, produziert von keiner Geringeren als der Pop-Ikone Madonna. Hütz spielt, wenig überraschend, einen ukrainischen Immigranten in der Hauptrolle.

Und auch die Band Gogol Bordello tritt in Erscheinung und verkörpert sich mehr oder weniger selbst. Madonna stellt ohnehin eine wichtige Person in der Bandgeschichte dar.

2007 holt sie Eugene und ein weiteres Bandmitglied im Zuge der großangelegten Live Earth-Konzerte zu sich ins Wembley Stadion auf die Bühne, um zusammen mit den beiden eine neuartige Version ihres Erfolgshits der 80er Jahre “La Isla Bonita” vorzutragen – komplett mit Gitarre, Geige und Eugenes infernalischem Gegröle, welches merkwürdigerweise wie Faust auf Auge passt zu dem zu einer feurigen Zigeunerhymne umgewandelten Lied.

Das Spekaktel wird umjubelt und bringt der Gruppe noch mehr Ruhm ein, als sie ohnehin schon hat. Und ein Ende der erfolgreichen Bandgeschichte ist noch nicht abzusehen.

Eugene Hütz hat übrigens inzwischen seine neue Heimat in Rio de Janeiro gefunden, dort, wo das Feiern in den Straßen ein normaler Bestandteil des Alltags ist – genauso wie einst in seiner karpatischen Heimat, in die er immer wieder mal zurückkehrt, um sich zu den Straßenmusikern zu gesellen und zu feiern.

Seine Wurzeln hat er nicht vergessen.

Mehr Lust auf Musik? Dann lesen Sie unseren Artikel über die Wanton Bishops!

Headerbild: Daniel Efram

Alle Fotos mit freundlicher Genehmigung der Rechteinhaber

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