Es gibt Menschen, die schieben in ihren späteren Berufsjahren eine ruhige Kugel. Und es gibt Menschen, die denken gar nicht daran und machen ihr Ding abseits des normalen Alltags. Wir haben ein Interview mit jemandem geführt, der gerade tausende Kilometer weg in der Wüste sitzt.

Oberstleutnant S.* (57), ist kein normaler Arbeitnehmer der Generation “50 plus”. Er hat sich sein Berufsleben zwischen Job, Nebenerwerb und Reservistentätigkeit aufgeteilt. Momentan trennen uns mehr als 3200, denn als Verbindungsoffizier ist er im Rahmen des 3. Deutschen Einsatzkontingents Counter Daesh im Irak stationiert. Ich habe mich mit ihm per Webcam über seine Sichtweise zum Thema “Arbeitsleben 50 Plus” unterhalten. Aus Gründen der Operations Security (OPSEC) bat er mich, auf die Nennung seines vollen Namens zu verzichten

Arbeitsleben 50 Plus - Im Einsatz

Oberstleutnant S. im Einsatz

Sie sind hauptberuflich bei einer Fluggesellschaft in einer Führungsposition angestellt, fliegen nebenbei als On-Board-Courier durch die Welt und nehmen als Reservist an Auslandseinsätzen der Bundeswehr teil. Woher kommt dieser hohe Grad an Aktivität?
Meine Arbeit als Betriebsleiter der Condor ist keine Tätigkeit in einer Führungsposition. Ich bin ein ziemlich normaler Angestellter ohne Disziplinargewalten gegenüber des Handling Agenten. Meine Arbeit findet im Schichtdienst statt, was im Laufe der Jahre ermüdend wirken kann (ich arbeite seit 1986 im Schichtdienst). Der „hohe Grad an Aktivität“, wie Sie es ausdrücken, ist für mich eine willkommene Abwechslung des normalen Arbeitsalltages. Als Reserveoffizier der Bundeswehr bin ich schon immer regelmäßig und gerne einberufen worden. Anfangs waren das ein bis zwei wöchige Wehrübungen oder Lehrgänge, die seit dem Jahr 2000 zu inzwischen fünf Auslandseinsätzen geführt haben. Meine Abwesenheit aus meinem „normalen“ Leben, verbunden mit bis zu sechs Monaten Fernbleiben von Frau, Kindern und Heimat – die Kombination aus Leben unter erschwerten Bedingungen eines Feldlagers und der ständigen Präsenz von Gefahr für Leib und Leben, hatte eine Rückkehr zu meinem Beruf als Betriebsleiter immer zur Folge, dass meine „Batterie“ erneut aufgeladen waren. Der Stress bei der Bundeswehr war in dieser Hinsicht immer POSITIV und daher keine Arbeit, sondern im Ergebnis eine Erholung. So ist es auch mit der nebenberuflichen Tätigkeit des On Board Kuriers zu sehen. Selbst ein Langstreckenflug nach Sydney und zurück – in vier Tagen – ist eine Erholung vom Alltag, die sonst keiner meiner Kollegen hat. Man stelle sich vor: Morgens Frühschicht am Flughafen – Abends Abflug nach Sydney und am übernächsten Morgen landet man am anderen Ende der Welt um am Abend an der Oper in Sydney ein Bier zu trinken – UND .. man kriegt etwas Geld dafür! Dieser hohe Grad an Aktivität ist für mich ein Luxus.

Was bedeutet Arbeit für Sie?
Arbeit – wenn ich den Rasen mähe und mich körperlich betätige: das ist für mich Arbeit.

Und haben Sie den Eindruck, dass ältere Arbeitnehmer heutzutage vielseitiger und aktiver im Berufsleben sind als noch vor 10 oder 20 Jahren?
Die Frage kann ich nicht beurteilen. Wenn ich mich heute im Bekanntenkreis umsehen, bin ich eher eine Ausnahme. Heute denke ich werden im Alter eher alle fauler.

Wie beurteilen Sie die Wertschätzung, die heutzutage den Arbeitnehmern über 50 seitens der Arbeitgeber entgegengebracht wird? Gibt es zwischen Ihren drei Tätigkeitsfeldern Unterschiede?
Die Wertschätzung ist in allen drei Bereich identisch. Es zählt nur das Ergebnis. Die subjektiv bessere Qualität, die ich als erfahrener Mensch erbringe, zählt nicht. Ich erfahre keine Wertschätzung oder Motivation der Arbeitgeber mehr – ich motiviere mich selber (siehe Bier in Sydney nach dem Frühdienst …)

Arbeitsleben 50 Plus - Condor "Achim"

Photo by Condor

Das Bier in Sydney merke ich mir. Was antworten Sie beim Small Talk eigentlich auf die Frage: “Was machen Sie beruflich?”
Ich antworte: ich bin Betriebsleiter der Condor am Frankfurter Flughafen – das ist mein Beruf. Die anderen Sachen mache ich „nebenbei“

Und welche Meinung bzw. Haltung hat sich bei Ihnen im Lauf Ihres Arbeitslebens in Bezug auf die Arbeit an sich am stärksten geändert? Wo denken Sie heute komplett anders als früher?
Meine Haltung hat sich nicht geändert. Als Offizier versuche ich eine konstante Leistung zu erbringen. Bei zunehmendem Ausbleiben des Lobes oder Wertschätzung, wie ich bereits festgestellt habe, wurde es immer wichtiger mich selber zu motivieren. Meine Nebentätigkeiten geben mir die Möglichkeit Abstand zu bekommen. Was denke ich komplett anders als früher : da fällt mir grad nichts ein. Was ich beobachte ist die Tatsache, dass es weniger Teamgeist gibt – obwohl es angeblich nur noch „Teams“ gibt. Mein Teamleader denkt nur an sein Weiterkommen und kaum noch an den einzelnen Mitarbeiter. Die Menschlichkeit verarmt.

Wie wichtig finden Sie Weiterbildung gerade bei älteren Arbeitnehmern?
Weiterbildung ab 50 ist nur sinnvoll, wenn der Mitarbeiter sich freiwillig dazu meldet. Ansonsten ist es nur eine Anwesenheit. „Moderne“ Weiterbildungen die einem die „Neuen Strategien“ etc. beibringen sollen, haben bei mir meist nur zur Folge, dass ich mich frage, wer das denn alles wirklich glaubt.

Arbeitsleben 50 Plus - Teamwork

Photo by Free-Photos from Pixabay

Und wie sieht es mit Ihrer persönlichen “Work-Life-Balance” aus?
Den Ausdruck kenne ich nicht – aber wenn ich mir überlege, was es bedeuten könnte: ich bin mit meinem Leben sehr zufrieden. Meine Tätigkeit bei der Condor erledige ich bestmöglich und mein Leben versuche ich optimal zu genießen.

Wie wichtig ist Ihrer Meinung nach die über Jahrzehnte gewonnene Berufserfahrung der Generation 50 plus gegenüber der viel gelobten Flexibilität der Absolventen oder Young Professionals?
Bei mir zählt die Erfahrung immer weniger. Es werden eher junge, neue Mitarbeiter eingestellt, die natürlich Fehler machen. Alte Mitarbeit, die teuer sind, werden eher gerne abgebaut. Kosten reduzieren ist in meinen Augen wichtiger als Qualität erhalten oder erhöhen.

Was würden Sie, mit Ihrer Berufserfahrung, einem jungen Einsteiger in den heutigen Arbeitsmarkt raten?
Fang unten an – mach möglichst viele praktische Erfahrungen. Sei Vielseitig. Und vergiss nicht, wie es ist „unten zu arbeiten“

Headerphoto by Laurent Perren on Unsplash

Über den Autor

Thilo Heffen

Thilo Heffen

Thilo Heffen ist der Gründer von EXIMUM. Er schreibt über Dinge die er liebt und Dinge die er interessant findet. Manchmal schreibt er auch über Themen die er nur mag.

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